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Vortrag, gehalten auf der Internationalen Unternehmerbörse
Ost-West in Torgau, 22.4.1999
Referent: Walter Rehling, Immenweg 33, D-58239 Schwerte
Das ist eine sehr schwierige und sehr komplizierte Materie. Wieso
wage ich es, darüber Aussagen zu machen.
Ich habe mich mit dem Ost-West Geschäft praktisch ohne Unterbrechung seit 1960 befaßt.
Von 1960 bis zur sogenannten Wende habe ich mit allen Ländern des Warschauer Paktes, des
damaligen RGW Bereich Geschäfte gemacht.
Ich habe in all diesen Ländern technische Vorträge halten dürfen und durch diese
technischen Vorträge sehr persönliche Kontakte gewinnen können.
Ich gehörte also zu dem sehr kleinen Kreis, der in den Ostländern in die Firmen hinein
kam und auch die Entwicklungen in den Firmen sehen durfte.
Ich habe mit aller Kraft versucht, den Export von Sachsen in die östlichen Länder wieder
in Gang zu bringen. Ich habe also erneut Messen organisiert und ich konnte in einigen
dieser Länder wieder Vorträge über Marketing, Marktwirtschaft und solche Fragen halten.
Kommen wir jetzt zu den angesprochenen Hemmnissen, beim Aufbau der Marktwirtschaft in
Osteuropa. Nach einer ersten Welle von Euphorie kam es sehr schnell zu einer starken
Ernüchterung. Nun müssen wir einen riesen Unterschied machen zwischen der Entwicklung
der ehemaligen DDR und in den anderen Länder. Die Polen sind immer sehr gut für
politische Witze. Als ich 1991 meinen ersten Vortrag nach der Wende in Polen gehalten
habe, da fragte mich ein polnischer Partner nach dem Unterschied zwischen der Wende in der
DDR und der Wende in Polen. Ich wußte es natürlich nicht und er sagte: ja eigentlich ist
auch kein richtiger Unterschied, es war der Sprung in ein großes Becken, aber bei der DDR
war Wasser drin. Und jetzt muß man sagen, in Polen war zumindest ein wenig Wasser drin.
In den Ländern östlich von Polen war es noch sehr viel gefährlicher.
Der Internationale Währungsfond, und jetzt sprechen wir speziell über Rußland, hat eine
große Menge Geld zur Verfügung gestellt. Die geplante Wirkung ist damit nicht
eingetreten. Und das freie Kapital auf dieser Erde, daß ist erbarmungslos. Das bleibt nur
dort, wo es auch Gewinn erzielen kann. Das Kapital nimmt auf den Stolz und auf die Würde
eines verarmten Landes überhaupt keine Rücksicht. Eine Marktwirtschaft ohne Kapital kann
aber überhaupt nicht funktionieren.
Was ist nun der Grund, daß nach dieser ersten Euphorie eine solche
Pause eingetreten ist?
- Ein erster wichtiger Punkt war, es fehlte in ausreichender Menge jedenfalls, das
wirkliche Management. Man hat an vielen Stellen geglaubt, man könne mit der alten Leitung
mal eben Marktwirtschaft spielen. Management aus dem westlichen Ausland war einfach in
ausreichender Menge nicht bereit, in den Osten zu gehen. Nun könnte man sagen, es sind
ca. 10 Jahre vergangen, was hätte man nicht alles an Ausbildung in dieser Zeit zu Stande
bringen können. Aber Ausbildung bringt zunächst kein Geld ein, sondern Ausbildung kostet
zunächst einmal Geld.
- Ein nächster wichtiger Punkt ist die Tatsache, das sich die Mentalität in den östlichen Ländern Europas noch längst nicht umgestellt hat.
- Ein weiterer Punkt ist die in der Ukraine und Rußland, nach meinen Informationen, die dort gehandhabte Steuerpolitik. Man hat noch nicht begriffen, daß man eine neue junge Pflanze , die wachsen will, daß man die zunächst nur gießen kann und das man mit dem Ernten noch lange warten muß. Diese Steuerpolitik ist eine großes Hemmnis gegen jede Form von Investitionen.
- Der wirklich wichtigste Faktor ist die falsche Politik auf dem
Immobilienmarkt. Kapital geht immer nur dann in ein Land, wenn dahinter eine Garantie
steht. Und die sicherste Garantie auf dieser Erde ist immer noch Grund und Boden. In der
gesamten westlichen Welt interessiert sich niemand dafür, wem der Grund und Boden bei
einer Fabrikanlage gehört. Zum Beispiel gehört praktisch die komplette amerikanische
Insel Hawaii zu beinahe 100% privat Japanern. Amerikanische, englische, französische
Investoren besitzen Grund und Boden in Westdeutschland. Inzwischen haben aber auch
deutsche Investoren sich in USA, England und Frankreich eingekauft. Wenn also eine solche
positive Entwicklung in den östlichen Ländern kommen soll, muß man in diesem Punkt neu
zu denken lernen.
Die bisherige Antwort im Osten lautet: Unser heiliger Boden ist unantastbar.
Wir wollen ein paar Gedanken in Richtung China lenken:
China hat einen entscheidenden Fehler, den Rußland gemacht hat, nicht gemacht. China hat
die alte Ordnung, egal wie man dazu steht, aber sie ist eine Ordnung, China hat diese alte
Ordnung nicht zerstört. Dagegen hat China an verschiedenen Ecken des riesigen Reiches
große Sondergebiete geschaffen. Das bekannteste Beispiel ist selbstverständlich
Hongkong. Man hat also von dieser milchgebenden Kuh am System überhaupt nichts geändert.
Hongkong, daß ist also Kapitalismus des reinsten Wassers. Und das Riesengebiet um
Schanghai, hat man genau in dieser oder ähnlicher Form organisiert. Und das hat man so
früh getan, daß diese positive Wirkung inzwischen auf das Westchina sich schon ganz
deutlich auswirkt.
Nach dieser, meiner Meinung, haben wir es also mit drei wichtigen Punkten zu tun:
- Das ist also der Mangel an Fachleuten, und das wir uns nicht falsch verstehen, es geht nicht um Ingenieure, die Köpfe der Ingenieure in Rußland, Ukraine oder wo auch immer sind nicht besser und nicht schlechter als die Köpfe bei uns. Aber Management und Marketing ist eine andere Welt. Soviel zu dem Punkt - Mangel an Fachleuten.
- Der zweite Punkt ist die total falsche Steuerpolitik.
- Der dritte und wichtigste Punkt ist die falsche Politik
hinsichtlich der Privatisierung von Grund und Boden.
Wenn wir jetzt uns abschließend einmal vorstellen, wir wären die Verantwortlichen für
die wirtschaftliche Entwicklung in Rußland, was könnten wir dann an positiven
Vorschlägen machen?
Wir könnten eventuell diesen Gedanken der Sonderzonen in den Vordergrund schieben.
Ich denke, wir sollten den Austausch von Studenten und Fachleuten forcieren. Das müßte
beiderseits natürlich weiter mit intensiven Sprachkursen verbunden sein.
Wir würden vorschlagen, daß eine feste Bindung für jede Kapitalhilfe an bestimmte
Einzelobjekte ganz stark fixiert sein müßte.
Und einen Gedanken möchte ich noch vorschlagen, den Verkauf
von Grund und Boden könnte man verbinden mit einer langfristigen Zusage auf Manpower,
wobei der Begriff Manpower vielleicht übersetzungsbedürftig ist.
Unter Manpower versteht man, das Führungskräfte zu dem neuen
Objekt hingeschickt werden, als typisches Beispiel ist das JENOPTIK, ein Betrieb, der
einen obersten Boss bekommen hat, der ein Ministerpräsident im Westen war.
Unter den oben genannten Bedingungen würde das große Kapital immer
bereit sein, in die osteuropäischen Länder zu gehen. Das Kapital wäre abgesichert.
Jetzt zum Schluß möchte ich noch einmal ganz klar festhalten, ich habe hier eine sehr
persönliche Meinung von mir gegeben.