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Vortrag, gehalten auf der
Internationalen Unternehmerbörse Ost-West in Torgau, 10.09.1998
Referent: Prof. Dr. Reiner Niethammer, Fachhochschule Würzburg, Fachbereich
Betriebswirtschaft, D-97070 Würzburg
Verfahren, Methoden, Instrumente der Unternehmensberatung in Westeuropa/Amerika
Ich hätte gerne gewußt, wer sind die Teilnehmer
dieses Seminars aus Osteuropa und wer ist aus Deutschland. Ich muß ja mal sehen, wer
versteht mich in deutscher Sprache und wer in russischer Sprache.
Meine Damen und Herren, ich habe meinen Vortrag vorbereitet für die russischsprachigen
Teilnehmer, weil ich den anwesenden Unternehmern aus Deutschland nicht sagen muß, wie die
Unternehmensberatung erfolgt.
Wie ich sehe, sind nur wenig russisch-sprachige Teilnehmer im Saal.
Ich habe mir fast schon so in diese Richtung gehend die Sache gedacht, daß es so kommen
wird. Und das, meine Damen und Herren ist nicht in Schuld zu sehen vom Veranstalter, im
Gegenteil, der gibt sich unheimlich Mühe seit Jahren. Sondern was hier nicht richtig
läuft, das ist die Kommunikation zwischen Mittel/Westeuropa einerseits und Osteuropa
andererseits, die klappt nicht, meine Damen und Herren. Unsere Freunde in Osteuropa hören
uns nicht mehr zu. Und vielleicht, meine Damen und Herren, haben sie auch recht. Nachdem
was jetzt in Rußland passiert und da sie augenblicklich hier in Deutschland sind, ist es
vielleicht normal, hinauszugehen und die Geschäfte der Innenstadt zu besuchen und nicht
so einem Professor zuzuhören, auch wenn sein Vortrag noch so interessant sein mag. Wir
würden doch unsere Gäste nicht auf die Anklagebank führen, das würden wir doch nicht
machen; aber sie sind eben kaum anwesend. Deshalb habe ich meinen Vortrag auf die deutsche
Seite ausgerichtet.
Ich möchte Ihnen einmal im Gedankenansatz zeigen, wie ich zwischen 1990 und 1997 den
Ablauf der deutschen technischen Hilfe im mikroökonomischen Bereich erlebt habe. Und wir
werden nachher, wenn Sie Lust haben, zusammen diskutieren, ob Sie ähnliche Erfahrungen
gemacht haben, ob Sie mir absolut widersprechen müssen oder ob Sie sagen, ja so ist es,
so läuft es.
Meine Damen und Herren, zunächst einmal, die
Geschäfte zwischen Ost und West sind ja gar nicht bedeutend. So hört man es aus Bonn.
Kürzlich hat sich unser Kanzler Kohl dazu geäußert und auch der Wirtschaftsminister und
so weiter. Also da drüben kann passieren was will, es wirkt sich doch gar nicht auf
unsere Außenhandelsbilanz aus. So ist zu hören! Das ist doch der Tenor. Zwei Prozent,
was ist denn das schon? Man kann das auch anders sehen. Man kann auch sagen, zwei Prozent,
das ist erschreckend. Das könnten 6, das könnten 8, das könnten vielleicht sogar 10
Prozent sein. Also wir wollen das mal im Raume stehen lassen. Es ist sicherlich sehr
wenig.
Warum ist es so wenig? Warum haben wir 1998 keine solchen Handelsbeziehungen, so wie wir
uns das 1990 gedacht haben?
Ich habe in meinem Vortrag die Arbeitsweise der internationalen Consulter in
Verfahrensphasen eingeteilt.
A. Orientierungsphase
In dieser ersten Phase überlegt sich der Consulter in der Zentrale, also in Berlin, oder
in Frankfurt oder in Washington: Wo werden wir in den nächsten Monaten und Jahren unsere
Kräfte hinfocusieren? Auf welche Regionen und auf welche Themen. Und da gilt immer, meine
Damen und Herren, daß solche geographischen Regionen besonders für den Consulter
interessant sind, in denen Strukturanpassungen und Strukturneubildungen von
Wirtschaftssystemen stattfinden. Also in solchen Regionen, wo wir Übergänge haben von
zum Beispiel der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft oder umgekehrt von der Marktwirtschaft
zur Planwirtschaft. Ich muß hier abkürzen, das ist für eine lange Seminarreihe gedacht,
diese Gliederung, das sind nur Anhaltspunkte, deshalb komme ich gleich zum Punkt:
Systemindifferente und systemdifferente Faktoren der Wirtschaftssysteme. Wie Sie alle
wissen, haben wir in den Wirtschaftssystemen eine Reihe von Faktoren, die systemgleich
sind; in der Planwirtschaft wie in der Marktwirtschaft. Das sind nicht die interessanten
Faktoren für die Beratungsarbeit, denn sie bleiben ja gleich. Sondern für die
Beratungsarbeit ist interessant zum Beispiel der Übergang von der Planwirtschaft -
Abschaffung der Zentralplanung - zur Marktwirtschaft - Schaffung der individuellen
betrieblichen Planung, also Beschaffung, Produktion, Absatz, Finanzplanung in
privatisierten Betrieben. Das waren also Planungsfaktoren, die sich sehr stark
veränderten und wo dann die Beratung tätig werden muß. Desweiteren verstehen wir ja
unter der Wirtschaft eine Gesamtheit von Wirtschaftssegmenten in Einheit mit dem
handelnden Menschen. So gehen wir von der Weltwirtschaft aus über in die supranationale
Wirtschaft (wie die EU zum Beispiel), und wir gehen dann zur Volkswirtschaft,
Regionalwirtschaft, Betriebswirtschaft, Familienwirtschaft, Individualwirtschaft. Das sind
die Wirtschaftssegmente. Wenn wir einen Systemübergang haben in einem geographischen
Raum, in welchem von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft zum Beispiel gegangen wird,
dann bedeutet das, daß wir in diesen einzelnen Segmenten sehr starke Veränderungen
haben, was die Strukturanpassung und Strukturneubildung betrifft. Und jetzt kommt etwas,
was für uns Beraterin dieser Orientierungsphase in den Jahren 1991/1992 besonders
interessant war: Wir haben zum Beispiel in Rußland festgestellt, daß im
volkswirtschaftlichen Segment Gesetze, Verordnungen erlassen wurden, die im
betriebswirtschaftlichen Segment der Direktor des Betriebes überhaupt nicht verstand. Das
ist das Problem. Ich ändere von oben etwas, etwa der Präsident der Russischen
Föderation, habe Ideen und mache diese kund, aber ich gebe keine Anweisung, wie diese
Ideen umgesetzt werden sollen, in der Reifenfabrik zum Beispiel. Ich sage nicht, wie sich
ein Betriebsleiter zu verhalten hat hinsichtlich dieser Idee, die in Moskau geboren wurde.
Ich spreche hier die ganze Zeit von Reformen. Wenn ich in den Übergang gehe, von einem
Wirtschaftssystem zum anderen, so kann ich das im positiven Sinne als Reformen bezeichnen.
Und wenn ich solche Reformen durchführe, dann kann ich sie nicht kopflastig allein von
oben durchführen, sondern ich muß diese Reformen von unten, von den Betrieben her
begleiten. Und nun sehen Sie schon, was ich in diesem ersten Kapitel im Grunde genommen
schon sagte, die Sanierungsfelder, die besonders interessanten Felder für die
Unternehmensberater sind natürlich die Markterschließung, das Marketing, das
Informationssystem und die Planungsregelung, betriebliche Forschung und Entwicklung und
die Privatisierung. Das sind mikroökonomische Themen, die sich in dem Segment
Betriebswirtschaft aus dem Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft ergeben.
Reform bedeutet nicht nur im Kurzbereich etwas festzustellen, was getan werden soll, das
heißt nur Zielsetzung, sondern Reform bedeutet, daß ich dieses, was ich mir hier oben
zum Ziel setze, Schritt für Schritt von unten, von der Basis her plane und dann
durchführe. Das ist wichtig und notwendig, und das wurde sicherlich in Osteuropa schon
aus Gründen der Übergangseuphorie und des Zeitmangels vollkommen vergessen. Diesen
Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft von der Basis ausgehend hatten wir
nicht.
Internationale Consulter sind alle im Grunde
genommen in Rußland nicht präsent, sie haben Repräsentanten, aber sie haben keine
echten geschäftsführenden Büros. Warum haben sie das nicht? Warum sind große Consulter
nur mit einer Repräsentanz in Moskau vertreten, doch warum haben sie keine echten Büros?
Es wurde bald erkannt, daß in Osteuropa, ich spreche hier von der Russischen Föderativen
Republik, keine Reformen stattfinden. Wir haben seit 1993 einen Reformstillstand. Und wenn
keine Aktivitäten zum Übergang von System zu System stattfinden, gibt es keine Arbeit
für die Beratung: Ganz einfach! Was sollen die beraten im Bereich Privatisierung? Im
westlichen marktwirtschaftlichen Sinne: Was sollen wir da beraten? In unseren Augen ist
diese Privatisierung unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten mehr als schlecht
durchgeführt worden.
Die Rechtsreformen: Was sollen wir da beraten? Beraten Sie mal als Consulter ein
russisches Unternehmen, das zu einem joint venture im Bereich der Finanzierung bereit ist.
Es ist unmöglich, meine Damen und Herren. Das ist das Problem.
Das wird anders werden. Wir werden in nächster Zeit in Rußland Reformen haben müssen.
Das muß sich ändern. Wir werden in den nächsten Monaten die Unternehmensberatungen
haben. Sie sind verstärkt wieder an dem russischen Markt interessiert; in den Bereichen
Privatisierung und Eigentumsfragen vor allem. Außer den Reformen braucht der Consulter,
bevor er sich für einen geographischen Raum weltweit entscheidet, eine
wirtschaftsgeographische Beurteilung der ausgewählten Region. Das sind ökonomische und
andere Zahlen, die wir haben müssen. Die Regionalanalyse muß dem Consulter und später
dem Investor Auskunft geben, welche Verkehrsverbindungen da sind, die soziale
Infrastruktur, alle diese Grundfragen.
Zwischenfrage:
Aber, es gibt doch Experten, die volkswirtschaftlich beraten!
Prof. Niethammer:
Ich sprach von den betriebswirtschaftlichen Consultern und nicht von den
volkswirtschaftlichen Beratern. Wir haben jetzt sieben Jahre lang als
betriebswirtschaftliche Consulter auf die volkswirtschaftlichen Berater gewartet, vor
allem auf die aus dem eigenen Land, die in Rußland Reformen einleiten und durchführen
sollen. Und ich kann Ihnen sagen, ich war 1990 ein Jahr lang Gastprofessor in Moskau an
der Akademie Narodnovo Chosaistva (Volkswirtschaftsakademie) und habe da nur über
Reformen gesprochen von morgens bis abends und mit anderen Kollegen entsprechende Konzepte
ausgearbeitet. Und davon ist bis zum heutigen Tag immer noch nichts hinüber gekommen. Und
dann fragt man sich, warum läuft nichts. Es kann doch gar nichts laufen. Es ist nicht
eine kleine Bedarfslücke, die hier existiert, sondern es ist die Reform selbst, die nicht
auf den Weg gebracht wurde - die Reform als Übergang von der Planwirtschaft zur
Marktwirtschaft. Man hat das alte System zerstört - die Zentralplanung - und hat nicht
das neue System aufgebaut. Das ist der Fakt!
Zwischenfrage:
Herr Niethammer, ich gebe Ihnen recht, die Reformen sind noch nicht durchgeführt.
Aber ich muß doch ehrlich sagen, es ist eine ganze Menge von phantastischen
Verbesserungen auf privatwirtschaftlichem Gebiet passiert. Angefangen von der
Privatisierung und Marketing- und Managementverträgen, also auf der untersten Ebene
natürlich, haben wesentliche Erfolge schon stattgefunden. Ich gebe Ihnen recht, Reform
kann man das nicht nennen, aber man hat in der Wirtschaft im Bereich Klein- und
Mittelbetriebe, das ist ja unsere Zielgruppe, doch schon einiges helfen können. Oder
stimmen Sie da nicht zu?
Prof. Niethammer:
Doch, aber es ist zu unterscheiden zwischen verschiedenen Betriebsgrößen. Und wir
sprechen ja jetzt von der allgemeinen Krise in Rußland, die ist ja da. Und ich kann nicht
mit Klein- und Mittelbetrieben die Wirtschaft Rußlands sanieren. Sondern die Wirtschaft
Rußlands muß saniert werden auf breiter Ebene, von der Basis ausgehend müssen auch die
großen Betriebe eingeschlossen werden. Das ist das Problem. Da habe ich jetzt zu wenig
Zeit, um das im einzelnen auszuführen. Aber da haben Sie sicherlich recht. Natürlich hat
man sich besonders von der deutschen technischen Hilfe sehr bemüht, daß vor allem die
Existenzgründungen von Mittel- und Kleinbetrieben auf den Weg gebracht werden. Aber
wissen Sie, die Struktur, die Stadtstruktur in Osteuropa ist ja so, eine Stadt mit 200 000
- 300 000 Einwohnern hat einen bestimmenden Großbetrieb, an dem sie hängt. Und eine
Fülle von kleineren Betrieben für den täglichen Bedarf und Zulieferer. Wie gesagt, die
Stadt hängt an dem Großbetrieb und der steht still. Und das ist das Problem.
Ich führe hier noch mal das Eigentumsrecht an, das immer noch nicht geklärt ist, es gibt
immer noch kein Bodeneigentum. Jeder von uns weiß: solange es kein Bodeneigentum gibt,
gibt es kein Kreditsystem der Banken. Doch jetzt ist der Zwang erstmalig gegeben und zwar
durch die Rußlandkrise. Jetzt muß sich schnell etwas ändern. Jetzt müssen schnell
Reformen auf den Weg gebracht werden, auf die wir seit Jahren warten.
B. Analysen
1. Regionalanalyse
Meine Damen und Herren, nach dem behandelten Komplex: Wo brauchen wir Consulting?, soll
jetzt nach der wirtschaftsgeographischen Beurteilung der Region gefragt werden. Diese
Analyse gibt in der Regel die Regionaladministration in Auftrag. Ich habe hier eine Fülle
von Beispielen, wie die Regionaladministration die Regionalanalysen westlicher Consulten
bezahlte. Das war ein richtiger Schritt zu dem richtig erkannten Ziel.
2. Branchenanalyse
Aufbauend auf der Regionalanalyse müßten dann von den Consultern die Branchenanalysen
erfolgen. Das heißt, der Consulter analysiert in einer Region mit hohem Reformdruck, von
der er jetzt auch die Infrastruktur genauestens kennt, die wichtigsten vertretenen
Branchen.
Beispiel: Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), hat in der Förderregion Saporoshje
Anfang 1994 eine Branchenanalyse im Maschinenbau durchgeführt. In dieser Region sind
über 30 Maschinenbauunternehmen. Diese Region wird aber nicht durch den Maschinenbau
bestimmt, sondern durch die Metall- und Stahlverhüttung. Die KfW hat dort untersucht und
einen Branchenleitfaden herausgebracht. In der Folge hat dann eine der führenden
Unternehmensberatungsgesellschaften einen Auftrag zur Durchführung einer Branchenanalyse
im Bereich der Schiffslogistik bekommen.
Was nutzt das dem Consulter? Erstens einmal bekommt er für diese Branchenanalyse eine
Bezahlung; in der Regel entweder von der dort ansässigen
Wirtschaftsförderungsgesellschaft oder es sind EG-Gelder. Er lernt über Regionalanalyse
und Branchenanalyse vor allem eine Region intim kennen. Und dann kann er diese Regionen
ganz seriös als Berater, als westlicher Berater bereits vertreten. Wer eine
Branchenanalyse sowie eine Regionalanalyse hat, hat einen besseren Start, wenn der
Reformdruck in der Region und der Volkswirtschaft ausgelöst wird.
Da hat mich doch kürzlich ein ganz spitzfindiger Zuhörer gefragt: Sagen Sie, meinen Sie,
daß die wesentlichen Politiker Regionen destabilisieren, also von der Planwirtschaft zur
Marktwirtschaft überführen wollen, damit die westlichen Consulter Arbeit finden und in
Zukunft dann zu entsprechenden Geschäften in der Lage sind. Das wurde ich gefragt.
Unglaublich! Wir wollen nicht destabilisieren und zerstören, sondern wir wollen auf dem
Niveau, das diese Region erreicht hat, weiter aufbauen. Dafür brauchen wir eben die
Orientierungsphase, die Reformen und alles was damit zusammenhängt, sonst können wir
nicht aufbauen. Ich habe dem Fragesteller gleich auch bewiesen, daß er falsch liegt. Ich
habe ihn gefragt: Gibt es in Rußland zur Zeit reiche Leute? Natürlich! Hat doch der und
der berühmte Russe 5 Milliarden Mark Vermögen und der andere hat 3 Milliarden und so
weiter. Also man rechnet übrigens in Rußland schon wieder in Milliarden, ich wäre froh,
ich könnte in Millionen rechnen. Aber weiter! Ich habe ihn dann gefragt: Und warum
investiert diese Person, eine reiche russische Person, die 5 Milliarden Mark Vermögen
hat, warum investiert sie nicht in Rußland? Warum nicht? Warum investiert sie im Westen?
Ganz einfach deshalb, weil der russische Geschäftsmann schon längst erkannt hat, was ich
bereits schon im ersten Punkt zur Orientierungsphase gesagt habe.
Zwischenfrage:
Wen machen Sie dafür verantwortlich? Warum ist das so?
Antwort, Prof. Niethammer:
Ich stelle fest: So ist es. Wer hat die Reformen nicht durchgeführt? Ich sage, es ist
klar, es sind die politischen Verhältnisse. Es hat keinen Sinn für mich, als Consulter,
als ein Betriebsconsulter irgendwelche Schuldzuweisungen an irgendwelche Gruppen oder
Personen zu machen. Ich kann nur sagen: So ist die Situation. Es ist sehr viel Geld, sehr
viel Kapital, nationales Kapital in Rußland. Es wird aber nicht investiert in die eigenen
Betriebe, ganz einfach, weil diese Leute wahrscheinlich annehmen, daß das Kapital zu
risikoreich dort angelegt wäre.
Kommentar:
Die Hauptschuld sehe ich darin, daß sich die vielen westlichen Geldgeber gar nicht
koordinieren. Wir erleben es im Senior Experten Service oft, daß die eine Firma von allen
Seiten bekommt, die anderen erhalten gar nichts aus dem Westen. Da liegt der Hase im
Pfeffer. Sie können den Russen und den Ukrainern keine Vorwürfe machen. Wenn sie von
einem Geld kriegen, nehmen sie es natürlich. Sehen Sie: Wir haben in Deutschland nicht
einmal eine Koordinierung. Die Wirtschaftsministerien machen das eine, andere irgend etwas
anderes. Da spricht sich keiner ab. Und es sind mehrere Versuche unternommen worden, daß
man das koordiniert, daß man sich an einen Tisch setzt.
Antwort Prof. Niethammer:
Ja, das habe ich jetzt nicht gemeint. Sondern ich habe gemeint, es sitzt ein Russe da,
vielleicht in Jekaterinenburg, er hat 5 Milliarden Mark Kapital und investiert dieses
Kapital an der Börse in Europa.
Zwischenfrage:
Als Russe frage ich, woher hat er die 5 Milliarden Mark bekommen?
Antwort Prof. Niethammer:
Das ist nicht die Frage, das interessiert mich nicht. Für mich ist es nur wichtig:
Warum investiert er nicht das Geld in die russischen Firmen?
Anmerkung:
Für uns als russische Bevölkerung ist es aber wichtig: Woher hat er die 5 Milliarden
Mark bekommen?
Zuruf:
Die Russen wissen, woher er es hat!
Bemerkung, Prof. Niethammer:
Für uns Deutsche ist es nicht so wichtig, woher das Geld kommt. Wir brauchen in
Osteuropa eine Gesellschaft mit einer gesunden funktionierenden Wirtschaft! Dazu gehört,
daß wir in Osteuropa russische Unternehmer haben, die das Geld, vertrauend in die eigene
Wirtschaft, dort auch investieren. Solange sie selbst dies nicht tun, wird kein Ausländer
großartig investieren. Und so brauchen wir keinen Consulter, der das russische
Geschäftsfeld bearbeitet. Das ist das Problem.
Die Amerikaner machen grundsätzlich nur Konsumprodukte in Rußland, alles sehr
kurzfristig. Sie bringen also die Kartoffelchips nach Rußland, währenddessen die
russischen Kartoffelfelder selbst nicht abgeerntet werden. Also ich weiß nicht. Das ist
sicherlich eine sehr gute Art des Marktgewinns, aber es ist keine gute Methode, wie man
die darniederliegende russische Wirtschaft sanieren kann.
Es geht also darum, Sicherheit zu schaffen für die russischen Investoren, damit diese
wieder Werte schöpfen können.
3. Kurzanalyse zur Sanierungsfähigkeit des
Unternehmens
Wollen wir fortfahren. Ein Consulter hat nun eine Branchenanalyse erstellt. Jetzt
schaut er sich die in der Branche vertretenen Firmen mit ihrem Firmenprofil an. Er möchte
jetzt künftige Kunden gezielt in der Region suchen. Er spricht mit verschiedenen
Geschäftsleitungen. Er überprüft die Sanierungsfähigkeit des Betriebes einerseits und
die Sanierungswilligkeit des Managements in diesem Unternehmen andererseits. Das ist eine
Arbeit, die Consulter zu zweit in etwa einer Woche durchzuführen. Das Ergebnis ist eine
Kurzanalyse des Unternehmens, und sie wird von dem Unternehmen bezahlt zu einem für den
Consulter nicht kostendeckenden Satz. In der Regel sind es zwischen 6000 und 20000 Mark,
jenachdem, wie groß die Firma ist. Es wird das Informationssystem beurteilt, Produkt,
Programm, Vertriebsorganisation gegenüber dem Mitbewerbern untersucht, dann werden die
Verfahrenstechnik und Logistik untersucht, Einkaufsdisposition und Lagerhaltung, Forschung
und Entwicklung, Patent- und Lizenzverträge, Stabsabteilungen werden analysiert,
Systemrevision, Projektmanagement, Vorschlagswesen; Standort und Rechtsform des
Unternehmens.
Meine Damen und Herren, es kann durchaus sein, der Consulter hat so eine ganze Reihe von
Firmen angetroffen in Osteuropa, die diese Prüfung mit Bravour bestanden hat, die sehr
gute Voraussetzungen im Hinblick auf westlichen Konkurrenten hatten, was diese Punkte
anbelangt.
4. Analyse: Sanierungswilligkeit des Managements
Aber viel wichtiger ist, daß man überprüft und zu einem Ergebnis kommt, ob das
Management des Unternehmens auch sanierungswillig ist. Möchte es eine Sanierung oder gibt
sie das nur vor, zu wollen. Und das untersuchen wir im vierten Punkt, in dem wir
beschreiben wie wir das machen, Methoden usw. Darauf kann ich jetzt nicht eingehen.
C. Zwischenbericht: Unternehmensprofil,
Standortanalyse
Wenn wir dann diese Phase B haben, dann erstellen wir als Consulter unter dem Punkt C
einen Zwischenbericht. Dieser Zwischenbericht ist in den 6 bis 10 oder 20 Tausend Mark
Auftragssumme (Pauschalsumme) enthalten. In diesem Zwischenbericht steht das
Unternehmensprofil, woher kommt die Firma aus der Vergangenheit, also die Traditionslinie;
wohin geht sie in der Zukunft. Er enthält eine Standortanalyse im Hinblick auf dieses
Unternehmen. Diese ist nicht zu verwechseln mit der Regionalanalyse oder der
Branchenanalyse, die ja mehrere Unternehmen bzw. die Region als Objekt umfaßt. Jetzt
steht die Analyse des Standortes eines bestimmten Unternehmens im Blickfeld.
D. Vorschläge
Der Consulter macht nun dem Unternehmen Vorschläge einer Zusammenarbeit zwischen
westlichem Consulten, diesem Unternehmen und anderen Unternehmen weltweit. Wir können zum
Beispiel vorschlagen, der Betrieb ist so am Ende; wir können nur noch versuchen, ihn zu
liquidieren. Wir können aus der Liquidation Teile herausnehmen und vielleicht noch retten
in Vermählung mit Teilen anderer Unternehmen. Aber der Kern ist generell zu liquidieren.
Ich spreche jetzt nicht nur von Osteuropa in diesem Punkt, sondern könnte so auch von
südamerikanischen Betrieben oder dergleichen sprechen. Wir würden unter Umständen
vorschlagen, einen Verbindlichkeitsschnitt durchzuführen. Also einen außergerichtlichen
Vergleich anzustellen, indem wir unserem Lieferanten sagen, wollt ihr, daß wir weiter
existieren. Wenn ja, dann müßt ihr auch auf Außenstände, die wir euch gegenüber
haben, zu 50 Prozent verzichten. Also das ist ein typischer außergerichtlicher Vergleich.
Oder aber, wir sagen, dieses Unternehmen braucht viel neues Kapital. Es ist zu heilen.
Doch dazu ist eine andere Rechtsform notwendig. Wir schlagen also eine Umwandlung vor.
Oder aber wir schlagen vor: In diesem Unternehmen ergingen so viele Fehlentscheidungen in
den letzten Jahren, die darauf basieren, daß das Informationssystem sehr schlecht ist.
Wir schlagen vor: 1. Das System des Organisationsablaufs zu entwickeln. Oder aber wir
schlagen 2. vor, die Prozeßstrukturen zu verändern. Also zu investieren in die Verfahren
und Technologien. Das ist der Punkt, der ständig von den russischen Partnern gewünscht
wird. Sie wollen keine weitere Mitarbeit. Keine Mitarbeit in den oberen Punkten. Sie
wollen immer nur Kapital für neue Verfahren und Technologien. Der letzte Punkt ist der
Beratungspunkt. Ich nehme meine vielleicht 8000 Mark als Consulter, ich nehme sie, gehe
nach Hause und ärgere mich, weil ich aus der Branchenanalyse heraus für eine Sanierung
die falsche Firma ausgesucht habe. Sie ist nicht sanierungsfähig bzw. nicht
sanierungswillig. Das haben wir natürlich sehr oft in Rußland gehabt. Die Firmen haben
diese Kurzanalyse machen lassen, sie haben sehr gerne diese Berichte gehabt, mit denen man
dann wieder was vorzeigen konnte. Aber sobald es an die konkreten eigentlichen
Beratungsdinge ging, sobald es darum ging, daß man wirklich nach dem Beraten investiert,
umsetzt und Rentabilität erwirtschaftet, da haben wir auch große Erfolge gehabt. Das
muß man sagen. Aber natürlich im Verhältnis größer war die Anzahl der Abbrecher, die
dann nicht mehr wollten, als der Anzahl derjenigen, die sagten: Arbeiten Sie mit uns
zusammen!
Zwischenfrage:
Wie oft findet ein Abbruch statt, weil eigentlich das Management ausgewechselt werden
müßte?
Antwort, Prof. Niethammer:
Also ich muß Ihnen sagen, daß ist eine sehr gute Frage. Und wir haben da auch
methodisch eine ganz interessante Lösungsvariante. Wir haben diesen Leitungs- oder
Führungskreis der wollte, der sanieren wollte, der was ändern wollte, der Reformen in
seinem Unternehmen offen gegenüber stand, aber nicht konnte, weil ihm Kenntnisse fehlten.
Den haben wir unterschieden von denjenigen, der nicht wollte und nicht konnte und
denjenigen, der gekonnt hätte, der die Fähigkeiten hatte, aber im Grunde nicht wollte
und durfte. Die haben wir unterschieden. Wir hatten diese Manager sehr gern, die wollten,
aber häufig nicht genügend Wissen hatten. Für diese Leute haben wir dann
Weiterbildungsmaßnahmen im engen Kreis, mit vier oder fünf Personen gemacht. In diesen
Weiterbildungsmaßnahmen konnten dann wirklich eine Fülle von Fragen beantwortet werden,
die über das eigentlich Fachliche hinausgingen. Das hat eine gute Basis für eine
Zusammenarbeit geschaffen. Diese Weiterbildungsmaßnahmen, dieses Training ist eine sehr
sehr gute Sache gewesen.
E. Hauptsanierung:
Wir als Consulter kommen dann zur nächsten Phase. Die Erstellung des Hauptvertrages. Und
hier gibt es verschiedene Vertragsvarianten, die wir unseren künftigen Kunden vorlegen,
wo diese wählen konnten. Wir können einen Beratungsvertrag ausrichten, der streng
problemorientiert ist. Aus der Fülle von Problemen, die festgestellt sind, werden zwei
oder drei herausgegriffen, und diese drei Probleme oder nehmen wir einmal an, ein Problem
wie das Informationssystem, das wird bearbeitet. Die Bearbeitung dieses Problems kostet so
und soviel tausend Mark. Das hängt eng mit der nächsten Vertragsstufe zusammen, mit dem
zielorientierten Vertrag, zum Beispiel Kostenrechnungen. Uns wird nicht gesagt, sie
müssen jetzt das Problem Fixkostenabrechnung, Fixkostenanfall lösen, das in diesem
Unternehmen extrem schlecht ist, sondern es wird uns gesagt, sie müssen in diesem Betrieb
so und soviel Prozent an Kosten einsparen. Also ein globales Ziel für einen bestimmten
Betriebssektor wird definiert und genannt. Das ist für uns immer ein schwieriger Vertrag
gewesen, weil wir hier Zielorientierung haben. Hier sind vielleicht 10 Prozent angesetzt,
10 Prozent Umsatzsteigerung durch Marketingmaßnahmen oder 10 Prozent Kosteneinsparung.
Unsere Maßnahmen aber erreichen zum Beispiel nur 8 Prozent. Dann haben wir den Vertrag
nicht erfüllt und haben mit erheblichen Abschlägen zu rechnen. Oder wir haben durch
unsere Maßnahmen im Kostensektor statt 10 sogar 15 Prozent eingespart, dann können wir
für diese 5 Prozent plus nicht mehr verlangen. Wir haben ja nur 10 Prozent vertraglich
vereinbart. Deshalb arbeiten wir mit unseren Verträgen sehr gerne ergebnisorientiert. Das
heißt, aufgrund der Analyse, die wir durchgeführt haben, gehen wir in ein Sanierungsfeld
und auf diesem Sanierungsfeld werden wir erfolgreich sein und wollen entsprechend dem
Nettoerfolg beteiligt sein. Hier kommt auf den ausführenden Revisionsleiter,
Sanierungsleiter wieder ein Problem zu, es entsteht ein Problem für den Consulter. Hat er
in seiner vorangegangenen Kurzanalyse das falsche Unternehmen gegriffen oder hat er beim
richtigen Unternehmen unter Umständen das falsche Sanierungsfeld bearbeitet, dann macht
er jetzt keinen Nettoerfolgsschritt und damit für sich keinen Gewinn, der ausreicht, um
seine eigene Betriebszielsetzung für einen bestimmten Zeitraum zu erreichen.
Hier meine Damen und Herren ein Beispiel, damit das besser verstanden wird. Ich habe beispielsweise neben meinem eigenen Consulterbüro noch Kontakt zu Consulterbüros von Leuten, die neu gegründet haben, die ihre Erfahrungen noch sammeln müssen. Die geringere Tagessätze haben als ich. Wenn ich jetzt feststelle, ich komme mit meinem angestrebten Ergebnis persönlich nicht ins Trockene, wenn ich mich hier um eine Firma in Osteuropa bemühe, währenddem es viel rentabler für mich ist, zur gleichen Zeit für eine Firma in den asiatischen Staaten zu arbeiten. Was ist da zu tun? Das ist ja das Problem, was generell in Osteuropa nie gesehen wird. Da wird immer gesagt, warum kommt ihr nicht, wer zu spät kommt, den bestraft das Schicksal. Das ist Blödsinn. Ich als Consulter überlege mir, ich habe da zwei Möglichkeiten: Eine Firma in Rußland zu beraten, mit der werde ich ein bestimmtes Ergebnis erwirtschaften und eine zweite Firma in China, mit der werde ich ein wesentlich höheres Ergebnis erwirtschaften. Aufteilen kann ich mich nicht. Also werde ich den Auftrag an dieser Stelle, bei Erstellung des Beratervertrages abgeben an einen Kollegen, für den sich dieses lohnt. Ich kann jetzt sagen, na ja gut, dann soll es doch der andere Kollege machen, der einen kleineren Tagessatz hat. Das ist aber sehr schlecht für die russische Volkswirtschaft, denn ein Newcomer im Consultingbereich wird für diese Firma keine qualitativ hochwertigen Geschäftsverbindungen finden.
In dieser Phase stelle ich dann die Schwachstellen in meinem Sanierungsfeld fest und gewichte diese Schwachstellen und mache Vorschläge, wie diese Schwachstellen beseitigt werden können. Das kann natürlich sein, daß ich während dieser Prüfung, während dieser Gewichtung der Schwachstellen feststellen muß, daß der ganze Organisationsablauf und diese ganze Organisationsstruktur verloren ist. Die wird verworfen, abgeschafft. Dann muß ich andere Methoden anwenden. Das ist zum einen die Revisionsmethode, Feststellungen im einzelnen, Verbesserungsvorschläge, das ist sozusagen die Methode, die etwas evolutionär entwickelt. Entgegengesetzt dazu gibt es die Managementmethode, die das alte System einfach abschafft und an dessen Stelle ein neues setzt.
F. Abschlußbericht
In der nächsten Phase wird dann der Abschlußbericht, also der Hauptbericht erstellt.
Wobei wir hier unterscheiden in einen internen, in einen geheimen Bericht für das
Unternehmen und auf diesen internen Bericht und später im Businessplan basiert ein
externer Bericht, der Geschäftsfelder definiert mit Partnern. Ich möchte Ihnen nur
sagen, 1993/94 habe ich eine Beratung aufgenommen in der Regionalverwaltung Saporoshje. Es
war damals so, die leitenden Präsidenten, Vizepräsidenten und wie sie alle hießen,
haben zu mir gesagt, lehren sie unseren Leuten, wie man einen Businessplan erstellt.
Warum? Ganz einfach. Es gab damals einige Professoren aus den Staaten, aus den USA, und
die haben damals gesagt: Es wird zu Euch kein Investor kommen, solange kein Businessplan
besteht. Also wollten alle den Businessplan. Da sagten auch kluge Leute sowie auch
irgendwelche kleine Unternehmensberater: Ich kann euch lehren, wie man einen Businessplan
erstellt und zwar innerhalb einer Woche. Das war dann die Zeit des Businessplanwahnsinns.
Sie wissen jetzt, was wir als seriöse Westconsulter unter Businessplan verstehen. Da
brauchen wir eine Reformdruckanalyse, da brauchen wir eine Regionalanalyse, da brauchen
wir eine Branchenanalyse, da brauchen wir eine Kurzanalyse des Unternehmens, da brauchen
wir Hauptbericht des Unternehmens, und aus diesen 5 Berichten, die aufeinander aufbauen,
läßt sich ein seriöser Businessplan ableiten.
Bemerkung:
Das ist dann ein Idealplan. Haben Sie den jemals erreicht?
Antwort, Prof. Niethammer:
Haben wir erreicht. In der Region Saporoshje haben wir Businesspläne gemacht, wo
diese Aufeinanderfolge der Arbeitsleistungen stattfand, und wir damit zu seriösen
Aussagen kamen. Jaja, das haben wir schon erreicht. Aber wenn es in anderen Fällen nicht
erreicht wurde, war es ernüchternd. Aber es ist zu erreichen. Man kann es erreichen, wenn
man Wirtschaftsförderungsgesellschaften aufbaut, wenn man eine
Wirtschaftsförderungsgesellschaft hat, wenn man die Regionalanalyse macht und alle diese
Dinge. Und das ist in vielen Regionen gemacht worden, in der Region Wladimir, Region
Petersburg. Aber die Gelder sind dafür verbraucht worden. Es ist alles verbraucht worden.
Zwischenfrage:
Wie lange braucht man für eine Regionalanalyse?
Antwort, Prof. Niethammer:
In Rußland habe ich die Erfahrung gemacht, daß in der sowjetischen Zeit schon ein
hervorragender Bestand an wirtschaftsgeographischen Instituten bestand. Da mußte man
nicht von vorne anfangen. Hier konnte man darauf zurückgreifen. Es sind zwar ideologisch
gefärbte Zahlen gewesen, aber wenn man diese Ideologie herausfiltern konnte, wenigstens
zum Teil, konnte man durchaus wirtschaftsgeographische Karten hinsichtlich Einpendler,
Auspendler, Verkehrsaufkommen usw. haben. Das war auch dort sehr genau und sehr gut
gemacht und das konnte man gebrauchen. Das war nicht schlecht.
Dauer von Regionalanalysen: Ich habe zur Zeit eine Studentin eingesetzt in Mariopol, sie
sollte eine Regionalanalyse für Mariopol machen. Sie bekommt das vom bayrischen
Wirtschaftsministerium bezahlt. Sie schaffte das an einem Tag. Sie ist da auch eingeübt.
Sie war also schon in meinem Seminar. Sie hat auch schon an anderen Regionalanalysen als
Assistentin mitgearbeitet und bekommt jetzt dort die Unterstützung der
Regionalverwaltung.
Dauer von Branchenanalysen: In Betrieben mit 150-200 Beschäftigten eine Woche. Bei
Betrieben mit 2000-5000 Arbeitnehmern hängt es davon ab, wie stark die Sparten sind, die
diese Firma vertritt. Wenn wir also viele kleine Sparten haben, wie das in Rußland sehr
häufig ist, dann dauert es 4 Wochen. Länger darf es aber nicht dauern, weil wir sonst
nicht mit unseren Pauschalpreisen zurechtkommen.
Dauer der Hauptsanierung: Es kommt hier natürlich darauf an, was für ein Sanierungsfeld
wir da bekommen. Wenn wir als Sanierungsfeld die Kostenrechnungen bekommen und wir können
auf der sowjetischen Kostenrechnung in diesem Betrieb aufbauen, was durchaus möglich ist
in jeder einzelnen Sparte, nicht Bilanz, sondern die Zahlen, die ermittelt wurden für den
Staatsplan je Abteilung, dann läßt es sich also in einem Vierteljahreszeitraum machen.
Aber da muß ich folgendes sagen. Wir hatten zur Sowjetzeit feste Richtlinien und
Anweisungen für den Buchhalter, wie er seine Kosten und Leistungen, also
Kostenrechnungen, verfaßt und berechnen muß. Wir haben in Deutschland eine bestimmte
Vorgehensweise, was die Kosten anbelangt, die sich in der Zwischenzeit an die
amerikanische angeglichen hat, obwohl unsere noch aus dem Dritten Reich kommt. Das
Enttäuschende, und jetzt sind wir wieder bei den Reformen, ist, daß die russischen
Reformen nicht in Richtung Aufbau einer Kostenrechnung nach Richtlinien, wie sie jetzt der
deutschen und amerikanischen Kostenrechnung entspricht, vorgegangen sind, sondern sie
haben sich wieder an die alten Staatsplan-Richtlinien angeglichen. So haben wir jetzt drei
Buchhaltungen in Rußland, das ist die Bilanz, dann die Zahlen, die die Buchhalterin an
die Planungsabteilungen der Region liefern muß, und unsere Art der Kostenrechnungen, die
dazu dient, Entscheidungen des Unternehmers zu erleichtern. Und da drehen unsere
Buchhalterinnen dann meistens fast durch und sagen: das kann doch nicht sein, daß man so
etwas machen muß. Aber es ist so, da sind zur Zeit große Schwierigkeiten. Aber ich kann
Ihnen sagen, eine Beratung, die wirklich jetzt professionell durchgeführt wird, dauert
also in der Regel ein halbes Jahr.
Haben Sie noch Fragen? Ich bin nämlich fertig. Ich habe Ihnen einen Einblick gegeben, so wie der Consulter in Westeuropa arbeiten muß. Die Arbeitsschritte, so wie ich sie Ihnen vorgeführt habe, muß der Berater in Rußland lernen. Da sind sie in Rußland noch weit zurück, diese Arbeitsschritte so ohne Unterstützung machen zu können, in vielen Regionen geht das überhaupt nicht.
Meine Damen und Herren, was mich betrübt, ist immer von Reformen im volkswirtschaftlichen Bereich zu hören, sie hören laufend, das Bankensystem und das Kreditsystem wird aufgebaut, die Staatsbank muß aufgebaut werden. Doch keiner spricht in unserer Presse von mikroökonomischen Reformen und was dazu alles gehört. Wir wissen es jetzt: Regionalanalyse und so weiter... Und wenn hier nichts passiert, meine Damen und Herren, wenn wir hier nicht Partnerschaften aufbauen können zwischen West und Ost, dann werden wir weiter von der Rußlandkrise zu sprechen haben.