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Infothek
Vortrag, gehalten auf der Internationalen Unternehmerbörse Ost-West in Torgau, 10.04.2003
Referent: Herr Krüsselin; Fa. Parabel s.r.o. (Tschechien)

Vor der EU-Osterweiterung
Vertrieb und Gründung in Tschechien – ein Erfahrungsbericht

Zusammen mit neun weiteren Ländern steht Tschechien unmittelbar vor dem EU-Beitritt. Aus unserer Sicht ist die EU-Osterweiterung langfristig als positiv zu bewerten, obwohl sich wahrscheinlich in der ersten Zeit zum Teil auch enorme Probleme ergeben werden.
Die Erfahrungen der bisherigen Mitgliedsstaaten sind insgesamt sehr positiv und haben gezeigt, daß an den landestypischen Gewohnheiten sowohl im privatem als auch im gewerblichen Bereich kaum gravierende Änderungen eingetreten sind und diese sicher auch nicht grundlegende Veränderungen in den neuen Mitgliedsländern bringen werden.
Ein weiterer Meilenstein wird die Einführung des Euro sein, der in Tschechien spätestens im Jahre 2011 kommen soll. Zunächst scheint aufgrund des hohen öffentlichen Defizits von derzeit 6,4 % gemessen am BIP eine rasche Euro Einführung nicht in Aussicht zu sein. Abgesehen davon kann man aber bereits in vielen Geschäften in Tschechien mit Eurobargeld bezahlen. Viele tschechische Firmen bieten Ihre Produkte schon heute ausnahmslos in Euro an.
Die EU- Grenzen verschieben sich durch den Beitritt automatisch um mehrere hundert Kilometer nach Osten. Hier sehen viele Unternehmer und Politiker die Gefahr zunehmender Kriminalität, die auch zweifelsohne vorhanden ist. Für bestimmte Kreise entfällt mindestens eine Grenze und erleichtert somit illegale Machenschaften. Es wird also beispielsweise erheblich schwieriger, illegale Beschäftigung zu kontrollieren, als dies zur Zeit der Fall ist. Wie sich Mentalitätsunterschiede und bestimmte Gewohnheiten auf das Miteinander auswirken wird, bleibt abzuwarten.
Die Arbeitslosenquote in Tschechien liegt momentan bei durchschnittlich 10 %. Regional bezogen bei knapp 18 % zum Beispiel in Nordböhmen, in Prag knapp 4 %. Eine Abnahme ist nach dem Beitritt nicht zu erwarten, da die Anreize zur Wiederaufnahme einer Tätigkeit nur unzureichend vorhanden sind und darüber hinaus die Tschechen im allgemeinen bei der Arbeitssuche sehr unflexibel sind. Über einen Umzug aus beruflichen Gründen denkt in Tschechien kaum jemand nach, abgesehen von den Großstädten wie zum Beispiel Prag, Pilzn usw., wobei hier aber zu beachten ist, daß die Zahl der gewerblichen Arbeitnehmer in der Relation immer weiter zurückgeht. Facharbeitermangel besteht in fast jeder Region.
Man kann also davon ausgehen, daß auch nach Öffnung der Grenzen keine Massenflucht nach Westen zu erwarten ist und somit auch aus der Sicht von Tschechien keine Entlastung zu spüren sein wird. Außerdem sind die Fremdsprachkenntnisse bei gewerblichen Arbeitnehmern nur mäßig vorhanden, was ein weiterer Hemmschuh für eine Abwanderung darstellt.
Bei den Lohnkosten in Tschechien liegt der durchschnittliche Stundenlohn derzeit bei 3,90 €, in den 15 EU-Mitgliedsländern bei 22,70 €. Tschechien liegt bei den Ost-Beitrittsländern an 4. Stelle, deutlich hinter Bulgarien und Rumänien aber vor Polen und Slowenien.
Geht man von einer verminderten Arbeitsproduktivität von 30 % aus, ergibt sich im momentanen Vergleich Tschechien zur EU ein Verhältnis beim Stundenlohn von 1:4.
Es ist kaum zu erwarten, daß die Löhne kurzfristig nach oben schnellen werden und unter Berücksichtigung der Lohnnebenkosten, die in Tschechien auf EU Niveau liegen, sind die Lohnvorteile nach wie vor vorhanden.
Eine nicht zu unterschätzende Größe ist die Arbeitsproduktivität, die im vergangenen Jahr deutlich langsamer angewachsen ist als die Lohnkosten. Diesen Faktor können nur die leitenden Mitarbeiter der einzelnen Unternehmen direkt beeinflussen, um diesen auf einem günstigen Niveau zu halten. Jedoch gehen wir davon aus, daß sich die Arbeitsproduktivität, wahrscheinlich leider gepaart mit den Löhnen, weiter beschleunigen wird.
Einige Erfahrungen beim Gründen meiner Firma in Tschechien seien folgend dargelegt:
Anfang der 90er Jahre fing es an, ich wurde Einkäufer eines mittelständischen (deutschen) Baumaschinenherstellers in Tschechien.
Ich kaufte mir dort am Arbeitsort ein Einfamilienhaus; konnte aber als Ausländer die Immobilie nicht als Eigentum erwerben. Das wurde umschifft, indem ich meine tschechische Firma Parabel gründete.
Nun mußten Aufenthaltsbewilligungen, inländisches Bankkonto usw. angestrebt werden und es ist mir gelungen, mit Hilfe eines beim Handelsgericht gut bekannten Advokaten und den damals üblichen Zuwendungen für den einen oder anderen Mitarbeiter innerhalb relativ kurzer Zeit die Gründung zu realisieren und zunächst einmal die Immobilie zu erwerben.
Aber alles in allem kann innerhalb von 8-12 Wochen die ganze Prozedur absolviert werden. Selbstverständlich ist heute wie früher der richtige Kontakt die wertvollste Hilfe und heute wie früher sind die kleinen Aufmerksamkeiten (Motivationen) kaum entbehrlich.
Man muß an dieser Stelle dazu sagen, daß wir das erforderliche Equipment zum allergrößten Teil aus westeuropäischer Produktion nach Tschechien mitgebracht haben, da zu jenem Zeitpunkt die für unsere Zwecke notwendige Einrichtung einfach nicht zu erhalten war.
Als wir 1994 nach den ersten Musterlieferungen mit der Serienproduktion beginnen wollten, hatten wir, wie vermutlich alle Unternehmen, die Qual der Wahl, die vermeintlich richtigen Mitarbeiter anzuwerben. Es hat sich herausgestellt, daß zwar jede Menge arbeitswillige Menschen vorhanden sind, jedoch die Qualifikation nicht in dem Maße vorhanden war, wie wir uns das wünschten. Schon nach kurzer Zeit trennte sich, wie man so sagt, die Spreu vom Weizen. Noch heute sind in dem Unternehmen Mitarbeiter aus dieser Zeit beschäftigt und haben teilweise führende Positionen. Es war wichtig, den Mitarbeitern, abgesehen von einer jeweils angemessenen Lohnsteigerung, das richtige Maß an Vertrauen entgegenzubringen und die dem Arbeitsumfeld angepaßte Entscheidungsfreiheit zu geben.
Nach Genehmigungsverfahren für einige Produktionsanlagen und bestimmte Arbeitsabläufe konnten wir mit voller Kraft arbeiten und nach schon kurzer Zeit waren unsere Kapazitäten soweit ausgelastet, daß wir in mehreren Schichten, auch am Wochenende und Feiertagen arbeiten mußten. Es war bei den Mehrzahl der Mitarbeiter überhaupt kein Problem die erforderliche Mehrarbeit durchzusetzen, da auch heute noch der Freizeitgedanke hinter den Möglichkeiten des (staatlich festgelegten) Mehreinkommens liegt. Man muß aber die Steuerung der Zusatzschichten mit klar festgelegten Zielen organisieren und die Zuschläge in eine gewisse Abhängigkeit des Erfolgs stellen um das gewünschte Resultat zu erhalten.
Es war dann schon eher schwieriger den Leuten klar zu machen warum die schon zur Gewohnheit gewordene Mehrarbeit, die fast immer die zulässigen Grenzen überstieg, nun nicht mehr gebraucht wurden.
Übrigens, im Jahr 2001 hat sich im Vergleich zum Vorjahr die Anzahl von kleinen und mittelgroßen Firmen in Tschechien um ca. 18 % verringert. Somit sollte es wohl zur Zeit möglich sein, den einen oder anderen geeigneten Partner zu finden, den man für seine eigenen Geschäftsideen in Tschechien gewinnen kann.
Mittlerweile hat sich das Niveau im Osten nach unseren Erkenntnissen auf allen Ebenen erheblich verbessert, so daß wir wohl in den meisten Fällen eine Empfehlung für ein Engagement in Tschechien aussprechen können, nicht was den Markterfolg Ihres Produkts angeht, das bedarf einer ganz anderen Untersuchung.
Hier ist, wie allgemein üblich, eine auf das jeweilige Konsumgut zugeschnittene Marktuntersuchung zu betreiben, um die Chancen für einen gewinnbringenden Vertrieb vorauszusagen. Grundsätzlich sind viele Bereiche vertrieblich noch lange nicht voll erschlossen und es gibt nach wie vor noch etliche Möglichkeiten, Produkte und Dienstleistungen auf dem Ost-Markt anzubieten.

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