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Infothek
Vortrag, gehalten auf der Internationalen Unternehmerbörse
Ost-West in Torgau, 25.09.2003
Referent: Herr Alms, Fa. U.A.B. Fracht-Trans-Spedition, Klaipeda (Litauen)
Chancen und Risiken ausländischer Unternehmen bei der Entwicklung der wirtschaftlichen Tätigkeit im Baltikum - im Zuge des EU-Beitritts der Baltischen Staaten"
Baltische Republiken sind Estland, Lettland und Litauen mit
einer Gesamtbevölkerung von ca. 9. Mio. Menschen.
Die Baltischen Republiken haben als erste begonnen, sich aus dem Verbund der
Sowjetunion herauszulösen und die nationale Eigenständigkeit zu entwickeln. Insbesondere
Estland war es 1991 als Erstem vergönnt, auf Grund der engsten Beziehungen zu Finnland
sehr schnell den Weg in die neue wirtschaftliche und politische Organisation zu finden. In
Lettland und in Litauen hat es etwas länger gedauert, weil sich die Strukturen hier erst
langsam herausschälen mußten.
Das Währungssystem in den Baltischen Ländern hat sich mittlerweile stabilisiert.
Jedes Land hat seine eigenständige Währung. Litauen ist das erste Land, welches im
Januar letzten Jahres einen stabilen Umrechnungskurs zum Euro installiert hat. Lettland
und Estland sind in ihren Finanzverhältnissen in einem Mischverhältnis zum Dollar, zum
Euro und zum Schweizer Franken, deshalb gibt es auch schwankende Kurse.
Wie Sie wissen, sind die drei Baltischen Länder auch Kandidaten für den
EU-Beitritt im nächsten Jahr. Litauen war das erste Land dieser drei Balten, das sich
durch einen Volksentscheid für den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft entschieden
hat. Das war bereits im Mai diesen Jahres. In Lettland ist es dann vor 14 Tagen geschehen.
Estland wird ebenfalls in einem Referendum den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft
bestätigen.
In Litauen war nicht die Frage, ob die Mehrheit der Bevölkerung für einen
Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft entscheiden wird, sondern das Hauptproblem lag
darin, den litauischen Bürger überhaupt zu diesem Volksentscheid zu bewegen, denn die
Leute legen eine gewisse politische Müdigkeit an den Tag. Konkret zum Volksentscheid war
es tatsächlich so, daß an dem Wahlwochenende, an dem das Referendum ausgeschrieben war,
am Sonnabend nur etwa 6 % der möglichen Wähler zu dem Referendum erschienen sind.
Durch geschickte Hinweise über die Medien ist es dann gelungen, die
Wahlbeteiligung auf etwa 68 % am Sonntag zu erhöhen.
Wir als Spedition haben uns 1992 in Litauen niedergelassen. Es war sehr schwierig,
Mitarbeiter zu finden, weil wir als Vertreter eines deutschen Mutterhauses natürlich an
den Erwartungen der Klienten gemessen werden, auch dort die gleichen Qualitätsparameter
zu erfüllen, wie es in Deutschland gefordert und gewünscht ist.
Meine Aufgabe bestand darin, junge Leute zu finden, die sprachlich zunächst in
unsere Firmenstruktur paßten. Das Zweite war, sie fachlich zu qualifizieren und ihnen zu
erklären, daß sie nunmehr für ein deutsches Unternehmen tätig sind.
Warum betone ich das so. Wer bereits Kontakte mit Partnern im
Baltikum oder auch in Rußland hatte, der weiß sicherlich, daß Fragen der Mentalität
hier eine sehr große Rolle spielen. Das beginnt mit persönlichen Dingen, also Fragen der
Ordnung, der Disziplin und der Arbeitsdisziplin, der Qualität der Ausbildung sind hier zu
berücksichtigen.
Nach ca. 1 bis 1 ½ Jahren haben wir es geschafft, einen sehr gut qualifizierten
ausgewählten Mitarbeiterstamm zu haben. Somit konnten wir auch das Volumen unserer
Transporte von anfänglich vielleicht 5 oder 8 Transporten pro Woche hochschrauben auf 150
pro Woche.
Damit waren wir zu der Zeit der größte Einzelspediteur im Baltikum.
Für mich bestand seiner Zeit nicht nur die Aufgabe eine Filiale in Klaipeda
einzurichten (eine eigenständige Tochtergesellschaft zu gründen), sondern durch die
Aufgabenstellungen, die aus dem deutschen Mutterhaus heraus kamen, haben wir dann unser
Feld erweitert, in Lettland und weil die Notwendigkeit bestand auch in Moskau und in
Petersburg.
Als Spedition haben wir versucht, alle typischen Speditionsleistungen in der
entsprechenden Qualität dem Klienten anzubieten. Wir haben von Anfang an Mitarbeiter
gesucht, die in der Lage waren, Komplettladungen, Teilkomplettladungen, Spediteur und
Sammelgut, Eisenbahnverkehre und auch die Kombination der einzelnen Verkehrsträger dort
anzubieten.
Dadurch, daß unsere Firma präsent war auf beiden Seiten der Fähranbindung,
nämlich in Sassnitz-Mukran als auch im Baltikum, war es für uns leicht, die Transporte
auch speditionell zu begleiten, daß heißt, stündlich aussagefähig zu sein, wo befindet
sich die Ware, ist sie noch unversehrt, ist sie überhaupt noch da. Das waren damals sehr
wichtige Fragen.
Zwischen den Baltischen Ländern wurden nach der Wende richtige
Grenzabfertigungsstellen ausgebaut. Zu sowjetischen Zeiten gab es hier lediglich
Registrierungspunkte, so daß die Fahrzeuge und Personen ungehindert durch die Grenzen der
Sowjetrepubliken hin und her reisen konnten.
Nach 1991/1992 sind also zwischen Litauen und Lettland, zwischen Lettland und
Estland und insbesondere an der gemeinsamen Außengrenze zu Rußland ausgebaute
Grenzkontrollpunkte entstanden. Die Kontrolle erfolgt sehr gründlich, so daß Wartezeiten
in Kauf genommen werden müssen.
Obwohl von der Seite der Regierungen der drei Baltischen Länder versucht wurde, eine
sogenannte Zollunion zu schaffen, ist das bis zum heutigen Zeitpunkt nicht gelungen. Auf
dem Papier gab es dort bereits Ideen und Konzepte, wie man in den drei Baltischen Ländern
eine Zollunion einrichten könnte und sollte, weil es sinnvoll war, den Warenfluß zu
beschleunigen und nicht zu behindern.
Weil aber bereits seit etwa 3 Jahren darüber diskutiert wird, ob die Baltischen
Länder nun bereits in die EU eingegliedert werden können oder nicht, ist dann diese
Version fallengelassen worden, weil zu erwarten war, daß über kurz oder lang Lettland,
Litauen und Estland Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft werden und dann sowieso
völlig andere rechtliche Regelungen beim Transport der Waren, beim Warenfluß insgesamt
Gültigkeit haben.
Im Laufe der Jahre haben sich zwischen Deutschland oder Westeuropa und den
Baltischen Ländern weiter Fährlinien entwickelt, so daß nicht mehr nur zwischen Mukran
und Klaipeda eine Fährlinie betrieben wurde, sonder insbesondere auch zwischen Rostock
Klaipeda, Rostock Liepaja, zwischen Kiel und Lübeck nach Kleipeda, Liepaja,
Tallin. Diese Fährlinien haben für den Transport der Waren den Vorteil, daß sie
störungsfrei und ungehindert aus dem Verschiffungshafen bis in die Zielhäfen laufen
können. Die Alternative dazu ist der Landweg über Polen, der häufig nicht störungsfrei
laufen kann. Sie werden das sicher aus Ihrer eigenen Erfahrung wissen, daß sich bei
Grenzausgang zwischen Deutschland und Polen sehr häufig Rückstaus bilden, mit bis zu 3
oder 4 Tagen Wartezeit. Wir wissen, daß sich auch zwischen Polen und Weißrußland bzw.
Polen und Litauen Grenzstaus bilden (2 - 4Tage) können. Während dieser Zeit ist die Ware
nicht so gut unter Kontrolle, die Kunden sind unzufrieden und der ganze Transportprozeß
ist nicht mehr kontrolliert. Deshalb haben wir als Firma immer den Fährverkehr
favorisiert, da er schnell, sicher und unter ständiger Kontrolle ist.
Litauen ist auch eine parlamentarische Republik.
Bevölkerungsanzahl von 3,7 Mio. Menschen. Es gibt hier im Handelsbereich ein
Außenhandelsdefizit, daß heißt, Importe sind im Vergleich zu den Exporten drastisch
höher. Das Volumen liegt hier etwa bei 40 % Export zu Import.
Der Außenhandel mit Deutschland ist in einem stetigen Anstieg begriffen. Im Jahre
1999 belegte Deutschland bei den Importen den 60. Rang. Es führten die USA vor Schweden.
Ebenso bei den Exporten.
Die Lohnkosten in Litauen sind heute schon nicht mehr so günstig wie noch vor 5
Jahren.
Vor 5 Jahren bekam eine litauische Arbeitskraft umgerechnet 410,- Mark im Monat.
Heute sind es bereits 300,- Euro. So daß auch hier auf dem Markt zu erkennen ist, daß
einige Firmen aus Westeuropa auf Grund der gestiegenen Lohnkosten es sich heute nicht mehr
leisten können, die Lohnarbeit in Litauen bzw. den anderen Baltischen Ländern ausführen
zu lassen.
Steuerrechtlich ist zu beachten, daß für die Arbeitskraft dort bis zu 31 %
Lohnsteuern zu bezahlen sind, das weiterhin 30 % Sozialversicherungsabgabe zu kalkulieren
ist.
Nach litauischem Arbeitsgesetz ist ein Mindestgehalt von 420,- Litas (LTL)
(entspricht ungefähr 120,- Euro) monatlich zu zahlen. Die Arbeitszeit ist für die
Litauer geregelt mit 40 Wochenarbeitsstunden. Die Wochenenden (Samstag und Sonntag) sowie
Feiertage sind frei.
Zum Eigentumsrecht ist zu sagen, daß es für ausländische Firmen möglich ist, in
Litauen Grund und Boden käuflich zu erwerben und darauf dann Produktionsstätten zu
errichten bzw. vorhandene Produktionsstätten, Gebäude zur rekonstruieren und dann für
die eigenen Produkte zu nutzen.
Die Regelungen zum Kauf, zur Übernahme von bestehenden Betrieben in Litauen sind
ebenfalls gesetzlich geregelt. Es ist ein freier Kapitalfluß zugelassen. Die Banken
liefern heute ein gut funktionierendes System des Geldtransfers. Die Zeiten liegen
zwischen zwei und drei Tagen bei Geldübertragungen von Deutschland nach Litauen bzw.
entgegengesetzt.
In Litauen haben wir heute bereits Niederlassungen von deutschen Banken, die auch
kommerziell dort tätig sind, nicht nur als Repräsentanten, als Berater. Mit einer
Kredit-gewährung zu ähnlichen Bedingungen wie sie hier in Europa, in Westeuropa zu
finden ist.
Weiter ist zu bemerken, daß in Litauen
Sonderwirtschaftszonen eingerichtet worden sind, in Klaipeda, in Vilnius und in
iauliai. Diese Sonderwirtschaftszonen haben den Vorteil, daß steuerrechtliche
Sonderregelungen für Firmen eingerichtet werden können, die dort tätig sind, sowohl
für litauische Unternehmen als auch für ausländische Unternehmen.
Steuerrechtliche Sonderbedingungen bedeutet eben, daß gewisse Dinge in diesen
Zonen mehrwertsteuerfrei organisiert werden können sowohl in der Produktion, Transport,
Lagerhaltung usw.. Weiter gelten für diese Zonen besondere Zölle, d.h., geringere Zölle
zu entrichten sind.
Zwischenfrage: Wie hoch ist die Mehrwertsteuer?
Antwort: Die Mehrwertsteuer in Litauen beträgt aktuell 18 % (auch in Estland und
Lettland) auf alle Leistungen und auf alle Güter. Ausgenommen sind Exportleistungen und
Transitleistungen. Wenn ich jetzt vom Transport ausgehe, Transitleistungen heißt also
Warenfluß von Deutschland und Transit in Litauen bis hin nach Island, wird für diesen
Transportanteil keine Mehrwertsteuer verlangt. Importe für Litauen sind dann wieder
mehrwertsteuerpflichtig. Die Mehrwertsteuer ist zu entrichten nicht mehr im Vorfeld des
Handelsaktes, sondern ist ähnlich auch wie in Europa zu entrichten, wenn die Ware
importiert worden ist plus 20 Tage.
Für Export gilt die Mehrwertsteuerregelung Null. Es ist also keine Mehrwertsteuer
zu entrichten sowohl für die Ware selbst auch als für die Organisation des Transportes.
Zusammengefaßt:
- Körperschaftssteuer: 29 %; Sonderregelungen möglich in Abhängigkeit vom
Jahresumsatz insgesamt;
- Einkommenssteuer: 18 % 25 %;
- Mehrwertsteuer: 18 %;
- Grundsteuer: 1 %;
- Verkaufssteuern, Straßensteuer, Umsatzsteuern, die aber in der Summe etwa 1 %
ausmachen.
Lettland
Die Staatsform in Lettland ist eine Demokratische Republik.
Auf dem Beschaffungsmarkt wäre für Lettland zu nennen: Sande und Erden, Torf, Holz und
Bernstein.
Es gibt in den drei Baltischen Ländern keine Rohstoffe für Energieträger. Es
gibt keine Erze, keine anderen nennenswerten Mineralien, Bodenschätze.
Zu sowjetischen Zeiten war es traditionell so, daß die drei Baltischen Länder
entwickelt wurden für die Leichtindustrie (z.B. Telekommunikation, Computertechnik).
Traditionell wird heute auch auf diesen Industriesektoren weiter gearbeitet.
Insbesondere ist hier Lettland Vorreiter für einen ordentlichen Standart in der
Heimelektrik, Elektronik und der Telekommunikation.
In Lettland ist es so, daß der Durchschittslohn eines Arbeiter dort aktuell bei
286,- Euro liegt. Die Besteuerung ist ähnlich wie in Litauen.
Körperschaftssteuer: 20% - 25 %
Einkommenssteuer: 25 %
Dividendensteuer: 10 %
Mehrwertsteuer: 18 %.
Vermögenssteuer: 0,5 % - 4 %.
In den drei Baltischen Ländern ist es rechtlich vorgeschrieben, daß alle Firmen
eine saubere Buchführung halten.
Heute ist es so, daß jeder Buchungsvorgang monatsweise abzurechnen ist, d.h., die
Buchhalter haben Monatsabschlüsse beim Steueramt vorzulegen (Monatsabschlüsse,
Quartalsabschlüsse, Halbjahresabschlüsse und Jahresabschlüsse). So relativ kompliziert
gestaltet sich das in den drei Baltischen Ländern und so sehr stark werden die Firmen
auch kontrolliert durch das Steueramt und durch die verschiedenen anderen Institutionen,
wie z.B. Sozialversicherung.
Zwischenfrage: Erhalten die Baltischen Firmen auch so
diszipliniert die Mehrwertsteuer zurück, oder gibt es da Probleme?
Da gibt es keine Probleme, wenn man vom zeitlichen Auseinderfallen absieht. Auch
dort besteht die Möglichkeit für alle Unternehmen, daß die Mehrwertsteuer nach
Beantragung zurückerstattet wird, aber das dauert bis zu einem halben Jahr. Die
Sicherheit der Rückzahlung besteht aber auf jedem Fall.
Estland
In Estland ist der Anteil der privatisierten Firmen heute
bereits von den drei Baltischen Ländern insgesamt am höchsten mit etwa 82 %. Das heißt,
von allen in Estland registrierten Firmen sind ca. 82 % bereits privatisiert.
Es werden im Moment Überlegungen angestellt, auch solche Betriebe, wie z.B.
staatliche Eisenbahn auch zu privatisieren.
Weiterhin haben wir zu Estland zu benennen, daß der Durchschnittslohn für die
dort Beschäftigten etwa bei 340,- Euro, also hier sind die Esten schon doch mit einer
nennenswerten Differenz im Durchschnittslohn im Vergleich mit Litauen und Lettland.
Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt auch dort 40 Stunden. Es sind 28 Tage als
Mindesturlaub zu gewähren.
Der Erwerb von Grund und Boden ist auch in Estland möglich.
Auch in Estland ist es möglich den Gewinn- oder Kapitaltransfer frei
durchzuführen. Das ist heute ohne besondere Risiken möglich. Dazu sind gesetzliche
Grundlagen geschaffen, dazu sind auch die Banken mittlerweile befähigt und in der Lage,
in der Zusammenarbeit mit westeuropäischen Banken solchen Kapitalfluß zu gewährleisten.
Eine Frage, die ich bisher überhaupt noch nicht angesprochen habe:
Wenn Sie als Geschäftsreisender sich im Baltikum bewegen, brauchen Sie heute kein
Visum mehr. Das heißt, Sie können mit dem einfachen gültigen Reisepaß in einen
baltischen Staat einreisen, der Paß wird abgefertigt, daß heißt, Stempel der
Grenzpolizei, und dann können Sie sich bis zu insgesamt 90 Tagen frei in den drei
Baltischen Ländern aufhalten. Nur wenn Sie länger bleiben wollen benötigen Sie
Aufenthaltsvisum, welches Sie über die Konsulate und Botschaften erhalten können. Wenn
Sie dort kommerziell tätig sein wollen, benötigen Sie eine Arbeitserlaubnis (nach
Antragstellung in max. 4 Wochen zu erhalten).
Es ist in allen drei Baltischen Ländern eine deutliche
Tendenz erkennbar, nämlich die verstärkten Bemühungen gerade mit Westeuropa auch mit
den Vereinigte Staaten die Handelsbeziehungen zu erweitern. Man muß aber auch deutlich
sagen, daß die Baltischen Länder ohne die Warenlieferungen aus Rußland zur Zeit keine
Möglichkeit haben, den Industriestandard zu erhalten bzw. zu erweitern.
Bis heute ist es so, daß im Außenhandel alle drei Baltischen Länder zu ca. 60 %
an Handelsverkehre mit Rußland gebunden sind. Das betrifft nicht nur den Energiesektor,
sondern auch Rohstofflieferungen und Energie, die aus Rußland in die Baltischen Länder
kommen. Umgekehrt fließen Fertigprodukte, Nahrungsmittel im weitesten Sinne (Obst,
Gemüse, Fleischlieferungen, Butter usw.) vom Baltikum zurück nach Rußland; obwohl sich
viel Politiker und auch die Bürger selbst wünschen würden, den Außenhandel mit
Westeuropa weiter zu forcieren, schneller zu entwickeln.
Aber hier gibt es natürlich Gründe die eben dazu führen, daß bestimmte Produkte
auf dem westlichen Markt einfach noch nicht akzeptiert werden. Da sind die Richtlinien,
Qualitätsparameter die an bestimmte Produkte gebunden sind, wie z. B. Waschmaschinen, sie
sind Hauptprodukte in den Baltischen Ländern, aber die Qualitätsparameter, die wir hier
in Westeuropa haben, die können dort noch nicht erfüllt werden.
Was wird überhaupt von den Baltischen Ländern in Richtung Westeuropa gehändelt?
Hauptprodukte: Torf, Steine, Holz, Bernstein und Produkte daraus, Textilien.
Der Reexport von Erdöl gehört auch dazu. Erdöl das Litauen konkret und auch
Lettland aus Rußland kaufen und dann weiterverkaufen in Richtung Westeuropa bzw. Amerika.
In der Gegenrichtung fließen Waren in der gesamten Bandbreite: Konsumgüter,
Nahrungsmittel, Textilien, Schuhe, Lederwaren, Industrieausrüstungen, hochwertige
optische Instrumente, Arzneimittel, metallurgische Erzeugnisse usw..
Wenn wir jetzt davon ausgehen und das ist ja auch so
bestätigt worden, daß ab 1. Mai nächsten Jahres die drei Baltischen Länder Mitglied
der Europäischen Gemeinschaft sind, erwachsen daraus natürlich völlig neue Chancen, um
den Handel, den Warenaustausch zu beleben.
Warum erhofft man sich eine solche Entwicklung?
Es sind ja in der Summe nur ca. 9 Millionen Menschen dort im Baltikum und aus
unserer Sicht, aus unserer Erfahrung auch bestätigt durch Äußerungen von Politikern aus
dem Baltikum werden die Baltischen Länder eine noch größere Bedeutung erlangen, im
Warenaustausch mit den großen Ländern die hinter dem Baltikum liegen. Ich meine damit in
erster Linie Rußland, aber auch Kasachstan, Ukraine usw.
Die Erfahrung der letzten 10 Jahre hat ergeben, daß ein Großteil der Warenströme
für Rußland, Kasachstan bestimmt, den Weg über Finnland genommen haben. Finnland war so
lange das nordöstlichste Land mit den Standard von Westeuropa. Hier sind Fragen besonders
von Bedeutung, wie die Sicherheit der Ware und die Einhaltung von Vertragsbedingungen.
Man geht davon aus, daß durch das Einrichten der
Sonderwirtschaftszonen ein Großteil der Waren nicht mehr in finnischen Lagerhäusern
untergebracht und gelagert wird, sondern in Lägerhäusern des Baltikums, um von hier aus
dann auch die traditionellen guten Kontakte und Verbindungen zu nutzen, die ja konkret
noch zwischen den baltischen Handels-unternehmen und den russischen, kasachischen und
finnischen Händlern bestehen. Sie haben den Vorteil, daß sie eine gemeinsame Sprache
sprechen, daß sie durch den bilateralen Warenverkehr sowieso Handelskontakte haben und
sie haben den weiteren Vorteil, daß sie dann gemeinsam auf dem westlichen Markt eine
andere Position haben, als jeder für sich allein. Deshalb glauben wir und auch andere
Unternehmen fest an einen optimistischen Ausblick für die Entwicklung der Baltischen
Länder insbesondere dann nach dem 1. Mai des nächsten Jahres, wenn wir offizielle
Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft sein werden.
Nicht nur die Warenströme dann in Richtung Rußland, Ukraine und Kasachstan werden
zunehmend den Weg durch die Baltischen Länder finden, sondern wir gehen davon aus, daß
auch der bilaterale Handel zwischen Deutschland-Lettland, Deutschland-Litauen,
Deutschland-Estland sich weiter verstärken wird, auch aus der dann deutlich größeren
Rechtssicherheit für mögliche Investoren.
Mit dem Beitritt dieser drei Länder in die Europäischen
Gemeinschaft werden ähnliche und gleiche Rechtsgrundlagen geschaffen sein, wie sie
Westeuropa auch hat, daß heißt, dann haben ausländischen Unternehmen eine viel
größere Rechtsverbindlichkeit zu erwarten, als sie heute existiert.
Investitionen, die dann in den Baltischen Ländern angelegt werden, sind
gesicherte, garantierte Investitionen und dann hängt es nur vom kommerziellen Geschick
ab, diese Investitionen auch entsprechend nutzbringend unter Kontrolle zu haben.
Weiterhin muß man die Rolle der russischen Exklave Kaliningrad (Königsberg) auch
mit betrachten. Kaliningrad, von der geographischen Lage her, liegt ja dann eingebettet
innerhalb der Europäischen Gemeinschaft. Umgeben von Polen im Süden, Litauen im Osten
und im Norden und von der Ostsee.
Die Warenströme, die notwendig sind, um Kaliningrad überhaupt mit den
entsprechenden Mitteln zu versorgen laufen heute zu 80 % auf dem Seewege und die übrigen
20 % im Transit durch Litauen (Eisenbahn, LKW, Schiffslinien) .
Wenn dann im nächsten Jahr die Anrainerländer (Polen, Litauen) Mitglieder der
Europäischen Gemeinschaft sein werden, verändern sich dadurch auch die politischen
Beziehungen zwischen Kaliningrader Gebiet und den Baltischen Ländern und Polen. Warum?
Heute ist es so, daß im sogenannten kleinen Grenzverkehr ein Visumfreier Tourismus
besteht, daß heißt, die Litauer können nur durch Vorzeigen des Personalausweises nach
Kalinigrad fahren, ihren Kleinhandel dort betreiben und in der Gegenrichtung natürlich
auch die Kaliningrader nach Litauen und nach Polen. Ab 1. Juli diesen Jahres ist bereits
zwischen Litauen und Kaliningrad die Visumspflicht eingeführt und ab 1. Oktober wird ein
Gleiches getan werden zwischen Polen und Kaliningrad. Diese Visumspflicht hat dann
wiederum zur Folge, daß es zunächst erste einmal Einschränkungen im Reisefluß und
damit auch in die Handelstätigkeit gibt. Es bleibt zu hoffen, daß sich diese
Einschränkungen nach einer gewissen Zeit wieder lockern werden, daß es einfacher wird,
diese Schranken zu überwinden und es bleibt zu hoffen, daß Rußland ökonomische Mittel
und Wege finden wird, um dann die Exklave Kaliningrad in einer ähnlichen Forme zu
entwickeln, so wie die Baltischen Länder durch die Europäische Gemeinschaft gefördert
werden.
Wenn man heute durch die Baltischen Länder fährt und kommt
dann im direkten Anschluß nach Kaliningrad, dann merkt man den deutlichen Unterschied
schon allein in der äußeren Ansicht der Region Kaliningrad, daß heißt, es müssen hier
noch sehr große Anstrengungen getroffen werden, damit Kaliningrad dann ein annähernd
ähnliches Niveau erreichen kann, wie die Baltischen Länder es heute bereits haben.
Man geht eigentlich davon aus, daß sowohl Rußland als auch die Europäische
Gemeinschaft sehr viel versuchen wird, sehr viel ökonomische Kraft investieren werden, um
den Abstand zwischen den Baltischen Ländern und Kaliningrad nicht zu groß werden zu
lassen.
Insgesamt ist zu bemerken, daß auch der Handel zwischen den westeuropäischen
Ländern und der Region Kaliningrad deutlich zugenommen hat. Die gesetzlichen Regelungen
in Kaliningrad haben sich gewandelt. Das birgt natürlich Schwierigkeiten in der
Anbahnung, der Realisierung der Geschäfte. Dazu kommt, daß aus verschiedenen deutschen
und anderen Häfen Europas bereits Fähr- und Schiffsverbindungen direkt in den Hafen
Kaliningrad laufen und somit der Warenfluß gesichert ist.
In allen drei Ländern gibt es die Möglichkeit sowohl
Aktiengesellschaften als auch Firmen zu gründen, die ähnlich wie bei uns die GmbH nach
gleichen rechtlichen Voraussetzungen eingerichtet werden können. Auch die Co. KG ist
möglich.
Wir als Firma haben uns in Litauen als GmbH niedergelassen. In Litauen heißt es
dann U.A.B.. Das ist eine geschlossene Gesellschaft mit ähnlichem rechtlichen Hintergrund
wie in Westeuropa. Zur Information, das Deutsche Handelsgesetzbuch in der Fassung von 1896
war auch in Lettland und in Litauen Grundlage für die neu geregelten rechtlichen
Beziehungen im Handel, auch für Registrierungen der Firmen und dergleichen mehr.
Die dortige Geschäftsformen ob Aktiengesellschaft, ob GmbH, ob individuelle
Gesellschaft oder Personengesellschaft, sind dort rechtlich geregelt und vergleichbar im
Grundsatz mit dem, was Sie hier in Deutschland oder überhaupt Westeuropa vorfinden.
GmbH -Einlagen
Litauen: 30.000.- Lit; das sind ca. 9000,- Euro
Lettland: eine GmbH 2500 Lat; das sind zur Stunde etwa 4000,- Euro
Estland: sind es etwa 8000,- Euro für die Form der GmbH
In Litauen und in Lettland war es so, bis 1995 durfte dort
als Geschäftsführer tatsächlich nur ein einheimischer Bürger eingesetzt werden, der
auch die entsprechenden Qualifikationen nachweisen mußte. Diese Person wurde auch
geprüft, ob er für die Geschäftsführertätigkeit befähigt ist. Nach 1995 war es dann
möglich, daß auch ausländische Geschäftsleute die Geschäftsführertätigkeit
übernommen haben.
Das Allerwichtigste für diese drei Länder ist, egal in welcher Form sich ein
deutsches Unternehmen niederläßt, daß man von Anfang an mit größter Sorgfalt darauf
achtet, daß buchhalterisch alles den dort geltenden Regeln entspricht.
Diese Länder sind vielleicht nicht darauf aus, aber es hat den Anschein, als wenn
sie versuchen wollen, Firmen dort zu erhaschen, die bestimmte Dinge nicht so ordentlich
geregelt haben und will dann mit sehr hohen Strafen dagegen vorgehen.
1995/96 war es so, daß gesetzliche Regelungen veröffentlicht worden sind, und
auch jetzt aktuell, aber mit der Gültigkeit vom 1. Mai des laufenden Jahres und wer das
nicht beachtet hat, dem blieb nichts weiter übrig, als eine Strafe zu bezahlen. Die
mußte bezahlt werden, egal, ob man juristisch hinterher dagegen anfocht oder nicht. Diese
Geld wurde erst einmal eingezogen. Hinterher konnte man sich beschweren, man konnte über
Rechtsmittel auch versuchen das Geld wiederzubekommen. Das ist in den seltensten Fällen
gelungen.
Seit etwa 1998/99 finden wir in den Baltischen Ländern die Situation so vor, wie
sie in Deutschland auch ist, daß Gesetzentwürfe veröffentlicht werden mit der
voraussichtlichen in Kraftstellung ab dann und dann. Heute kann man davon ausgehen, daß
man wenigstens 3 Monate vorher Kenntnis erhält von rechtlichen Veränderungen, egal in
welcher Form sich die Veränderungen vollziehen.
Vertragsrecht ist dort gesetzlich geregelt. Es gibt auch Regelungen, wenn sich ein Partner vertragswidrig verhält, mit welchen Sanktionen er dann zu belasten ist. Üblich ist, daß bei Verzugszahlungen, also nicht termingerechte Zahlungen von Leistungen, daß dort ein Zinssatz von 0,2 % pro Tag und Maximum aber 180 Tage in Anrechnung kommt (Litauen und Lettland).
Die Bankzinsen sind in den einzelnen Ländern und auch in den Banken unterschiedlich.
Für Kredite in Litauen werden Bankzinsen erhoben von momentan 8,6 % und in Lettland liegen sie etwa in der gleichen Region bei 9,1%.
Investitionsprogramme
Nach meiner Erfahrung hat sich die Rechtssicherheit und damit auch die
Besicherung von Investitionen in den letzten 3 4 Jahren derart entwickelt, daß ich
zur Investition kann. Spätestens ab Mitte 2005, haben wir dort den gleichen
Rechtssicherheitsstandard wie heute auch in Westeuropa.
Tendenz:
Zu Beginn der nationalen Eigenständigkeit der drei Baltischen Länder war
deutlich zu erkennen, daß die politischen Führungskreise versucht haben, die Kontakte
zur ehemaligen Sowjetunion vollkommen abzuschneiden. Sie waren damals derart borniert,
daß sie gedacht haben, wir werden sofort umfangreiche Investitionen aus Amerika bzw. von
ausgesuchte europäischen Ländern erhalten und werden dieses Loch, welches zwangsläufig
entstehen würde, sofort kompensieren. Es dauerte Vielleicht zwei bis drei Jahre, bis die
politische Führung dann wieder zur Normalität/Realität zurückkehrte und politisch
erkennen ließ, daß es ohne die Verbindung zu Rußland überhaupt nicht im Baltikum
funktionieren kann.
Man braucht diesen Handel um die wirtschaftliche Stabilität nicht nur des
Baltikums sondern auch der Anrainerstaaten zu sichern. Heute ist es so, daß schon wieder
vernünftige, realistische politische Kontakte entwickelt werden, um die
Wirtschaftsbeziehung zu Rußland weiter auszubauen. Von beiden Seiten wird das
vorangetrieben.
Mitte der 90er Jahre war es so, daß die russische Seite versucht hat, die
ehemaligen Einflußsphären auch weiter zu behalten, was ja ganz normal ist. Die Balten
haben geblockt. Seit etwa 1999/2000 ist zunehmend zu beobachten, daß die politischen
Führungskräfte der Baltischen Republiken häufiger wieder zu Besuchsreisen unterwegs
sind in Richtung Moskau, in Richtung Kiew, in Richtung auch anderer Republiken der GUS, um
die wirtschaftliche Tätigkeit im Handel zwischen den Ländern sowohl bilateral als auch
insgesamt anzukurbeln.
Es ist verstanden worden, daß es nicht ausreicht, die Warenlieferungen aus Europa
oder aus Amerika zu nutzen und in Empfang zu nehmen, sondern die Notwendigkeit ganz
einfach darin liegt, die Geschäftstätigkeit, das Geschäftsfeld auch in Richtung Osten
weiter zu entwickeln.
Schon allein aus dem Zwang heraus, daß bestimmte Produkte die ja in Litauen, in
Lettland heute auf dem Markt sind, im Westen aus verschiedenen Gründen nicht verkaufbar
sind. Also sind die Balten ganz einfach gezwungen, diese Produkte dann Richtung Osten
anzubieten, um im Gegenzug Energieträger, Rohstoffe von dort zu beziehen.
Die politische Orientierung ist heute eindeutig Richtung Rußland ausgerichtet.
Nicht nur von der Führungsseite, sonder auch ein Großteil der Bevölkerung ist heute so
weit, daß sie sagen, wir brauchen die Russen, wir brauchen vernünftige Kontakte sowohl
im politischen als auch im sozialen Bereich, weil wir Nachbarländer sind, weil wir
Staaten sind, die miteinander kooperieren müssen.
Dazu kommt ein wichtiges Moment, daß ich früher hätte eigentliche auch betonen
müssen. Lettland insbesondere hat von der Demographie her einen Anteil von Russen, also
von eigentlich russischer Nationalität in Lettland lebenden Bewohnern von früher 43 %.
Damit waren die Russen in der absoluten Zahl mehr als die Letten. Hatten aber im neuen
Lettland kein Stimmrecht, hatten nicht die Möglichkeit Geschäfte zu entwickeln, als
Geschäftsführer tätig zu sein und dergleichen mehr. Diese Phase hat zum Glück nur so
2-3 Jahre gedauert und ab Mitte der 90er Jahre hat sich das alles wieder relativiert,
normalisiert.
Ich würde heute einschätzen: Diese kritischen Stimmungen zwischen den
Nationalitäten des Baltikums und Rußland oder der Ukraine sind heute weitestgehend
ausgeräumt. So das sich dort normale wirtschaftliche und sozialpolitische Beziehungen
ergeben.
Warum haben viele Balten gegen den Beitritt zur Europäischen
Gemeinschaft gestimmt?
Hierzu ist sicher zu bemerken, es war gar nicht so sehr die Angst davor, daß ein
Nein" herauskommt, sonder, daß die Wahlbeteiligung ausreichend sein würde, um
wenigstens diese 50 % Hürde zu erreichen. Nach den Regelungen in den Baltischen Staaten
ist es so, daß ein Referendum nur dann Gesetzeskraft erlangt und gültig ist, wenn
wenigsten 50 % der Bevölkerung auch zur Wahl gehen.
Nun haben wir ja die Möglichkeit gehabt, mit den einfachen Leuten von der Straße auch
diese Probleme zu diskutieren. Warum gibt es ein Pro- Europäischen
Gemeinschaft", oder warum gibt es ein Kontra?
Viele einfache Leute, damit meine ich die Leute, die ja praktisch die Produktion
realisieren, die im Bildungswesen tätig sind usw. sagen: Europäische Union - das
klingt ja so ähnlich wie Sowjetunion."
Das heißt also, bestimmte rechtliche Dinge die werden dann wieder aufoktroyiert
und wir haben unsere Selbständigkeit nicht mehr so wie im Moment. Das ist natürlich eine
sehr naive, eine sehr einfache Herangehensweise, aber insbesondere ältere Leute haben
sich das zur Maxime gemacht und haben nein gesagt. Jetzt wollen wir erst einmal versuchen,
dieses zarte Pflänzchen Nationale Selbständigkeit" mehr zur Entwicklung zu
bringen und was dann in 5 oder 10 Jahren einmal sein wird, dann laßt uns darüber noch
einmal nachdenken. Das war ein wichtiger Beweggrund für viele Leute, nicht einfach mit
fliegenden Fahnen zu sagen: Ja.
Diejenigen, die mehr an den wirtschaftlichen und an den sozialpolitischen Hebeln
drehen, gehen natürlich mit einem anderen Gedanken heran. Sie wissen, daß gefördert
durch die Europäische Gemeinschaft ein gewisses Investitionsvolumen dann sowieso in die
Baltischen Länder kommt. Damit wird es möglich werden, daraus politisches Kapital zu
schlagen.
Aber viele mittelständische Unternehmer wissen sehr gut, heute schon merken sie es
ja auch an den marktpolitischen Situationen, daß sie dann später mit ihren jetzigen
Produkten keine Chance haben werden, sie auf dem westlichen Mark anzubieten und zu
verkaufen.
Man schätzt also ein, daß ab 1. Mai 2004 nicht sofort alle Regelungen, die wir
heute in Westeuropa haben in drei Baltischen Länder auch sofort Gültigkeit haben werden.
Hierzu gibt es eine Übergangsfrist, die heute mit ca. 7 Jahren angegeben wird, wo dann
schrittweise die rechtlichen Regelungen auch dorthin transferiert werden. Sicher ist aber,
daß mit der Expansion Richtung Osten vieler großer Konzerne die wir hier bei uns in
Westeuropa haben, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Holland, in Österreich und in
anderen Ländern, daß ein Großteil der jetzigen baltischen Unternehmen nicht mehr an
solchen Investitionsvorhaben partizipieren wird.
Es wird eingeschätzt, daß ungefähr 40 % der heutigen Arbeitskräfte, also der
Arbeitnehmer im arbeitsfähigen Alter, dann eine Tätigkeit ausüben werden, die ihnen
gestattet, ein Leben zu führen, das nicht schlechter ist als heute. Für den Rest von ca.
60 % stellt sich großes Fragezeichen. Was wird dann konkret passieren?
Ein weiteres Moment:
Die Baltischen Länder haben ein relativ gut entwickeltes Bildungssystem und auch
ein recht anständiges Bildungsniveau, daß heißt, die Absolventen aus den Schulen, aus
den Universitäten sind sehr ordentlich qualifiziert. Das beginnt mit den Sprachen. Viele
junge Leute sprechen perfekt zwei oder drei Sprachen neben der Landessprache.
Diese jungen Leute, die mit einer guten Qualifikation ausgebildet sind, die werden
sich natürlich nach dem Arbeitsmarkt richten und dort hin gehen, wo es für sie möglich
sein wird, unter Nutzung ihrer eigenen Fähigkeiten, sich einen entsprechenden
Lebensstandard zu schaffen und das muß nicht im Baltikum sein. Das kann genauso gut in
England sein, in Skandinavien, in Deutschland, in Österreich.... Dahinein spielt, wenn
ein Großteil der Jugend aus den Baltischen Ländern verschwindet, wird es dazu führen,
daß auch deren Kinder nicht mehr in das Baltikum zurückkehren, sondern dort bleiben, wo
sie tätig sind. Im Baltikum bleiben dann noch Diejenigen übrig, die aus verschiedenen
Gründen nicht die Notwendigkeit spürten, oder nicht die Möglichkeit hatten, sich nach
etwas Besserem umzusehen, d.h., daß wir dort eine Zunehmende Verarmung verzeichnen.
Das ist ein großes Manko. Sie müssen sich das bitte so vorstellen: Diese Vorbereitung der Referenden in den Baltischen Ländern lief als politische Großveranstaltung. Die Spitzenpolitiker sind aufgetreten, selbst die Würdenträger. Es wurde zu wenig darauf hingewiesen, daß bei aller Euphorie auch ein gewisses Risiko darin liegt, daß ein Großteil der Bevölkerung später einmal nicht in den Genuß all dieser Veränderungen kommt.
Etwas anderes: Bis heute ist der Privatisierungsprozeß in den drei Baltischen Ländern noch nicht beendet. Es gibt immer noch staatliche Betriebe, die durch Subventionen und andere Dinge in der Produktion erhalten werden.
Arbeitslosenstatistik
Die offizielle Statistik sagt aus, daß in Estland ca. 8 % Arbeitslose sind, in
Lettland 6,3 % und in Litauen knapp unter 10 %.
Das ist eine Statistik, die von den jeweiligen Landesministerien herausgegeben
worden ist. Nun wissen wir alle, eine Statistik kann auch in die eine oder andere Richtung
verbogen werden. Klar ist, daß hier die gesamte Land- und Forstwirtschaft nicht mit
involviert ist, d.h., in der Landwirtschaft Tätige produzieren nur für den Eigenbedarf.
Es ist auch schwierig, solche Leute zuzuordnen. Wozu gehören sie? Solche Fragen sind eben
nicht genau definiert. Verschleiern aber das Bild zur wirtschaftlichen Situation.
Nach unseren Erfahrungen ist die Arbeitslosenquote in Litauen bei ca. 15 20
%. Es gibt regionale Unterschiede.
Kriminalität
Gewaltkriminalität zeigt deutlich rückläufige Tendenz.