Wirtschaft Technik Tradition

Der Ost-Markt heute
Informationen über den Markt in Tschechien für Unternehmen im Landkreis Torgau-Oschatz

Während der internationalen Kontaktbörse, die der Ost-West Verein im April im Rathaus Torgau mit über 100 Unternehmern durchführte, trug der Praktiker, Dipl.-Betriebswirt Michael Krüsselin seine Erfahrungen beim Gründen eines Betriebes in Tschechien vor. Er sprach zur wirtschaftlichen Situation kleiner und mittelständischer Betriebe in Tschechien vor der EU-Osterweiterung, und er erläuterte den deutschen Firmenvertretern, was bei einer Geschäftstätigkeit in Tschechien zu beachten ist. (Fazit und Ergebnisse der Internationalen Unternehmerbörse Ost-West, die am 10. und 11. April 03 stattfand, wurden bereits im Amtsblatt Nr. 9/2003 veröffentlicht.)
Im Zusammenhang mit dem vorgetragenen Erfahrungsbericht kamen wir mit Herrn Krüsselin ins Gespräch, das folgend wiedergegeben wird:

1. Welche sozialen und wirtschaftlichen Folgen können in Deutschland durch die EU-Osterweiterung auftreten?
Aus unserer Sicht ist die EU-Osterweiterung langfristig als positiv zu bewerten, obwohl sich wahrscheinlich in der ersten Zeit zum Teil auch enorme Probleme ergeben werden. Die Erfahrungen der bisherigen Mitgliedsstaaten sind insgesamt sehr positiv und haben gezeigt, dass an den landestypischen Gewohnheiten sowohl im privatem als auch im gewerblichen Bereich kaum gravierende Änderungen eingetreten sind. Ein weiterer Meilenstein wird die Einführung des Euro sein, der in Tschechien spätestens im Jahre 2011 kommen soll. Zunächst scheint aufgrund des hohen öffentlichen Defizits von derzeit 6,4 % gemessen am BIP eine rasche Euro Einführung nicht in Aussicht zu sein. Abgesehen davon kann man aber bereits in vielen Geschäften mit Eurobargeld bezahlen. Viele Firmen bieten ihre Produkte schon heute ausnahmslos in Euro an. Die EU- Grenzen verschieben sich durch den Beitritt automatisch um mehrere hundert Kilometer nach Osten. Hier sehen viele Unternehmer und Politiker die Gefahr zunehmender Kriminalität, die auch zweifelsohne vorhanden ist. Für bestimmte Kreise entfällt mindestens eine Grenze und erleichtert somit illegale Machenschaften. Es wird also beispielsweise erheblich schwieriger, illegale Beschäftigung zu kontrollieren, als dies zurzeit der Fall ist.

2. Sagen Sie bitte etwas über die gegenwärtigen Arbeitsmarktzahlen in Tschechien!
Die Arbeitslosenquote liegt momentan bei durchschnittlich 10 %. Regional bezogen bei knapp 18 % zum Beispiel in Nordböhmen, in Prag knapp 4 %. Eine Abnahme ist nach dem Beitritt nicht zu erwarten, da die Anreize zur Wiederaufnahme einer Tätigkeit nur unzureichend vorhanden sind und darüber hinaus die Tschechen im Allgemeinen bei der Arbeitssuche sehr unflexibel sind. Über einen Umzug aus beruflichen Gründen denkt in Tschechien kaum jemand nach. Facharbeitermangel besteht in fast jeder Region. Man kann also davon ausgehen, dass auch nach Öffnung der Grenzen keine Massenflucht nach Westen zu erwarten ist und somit auch aus der Sicht von Tschechien keine Entlastung zu spüren sein wird. Außerdem sind die Fremdsprachkenntnisse bei gewerblichen Arbeitnehmern nur mäßig vorhanden, was ein weiterer Hemmschuh für eine Abwanderung darstellt.

3. Wie ist die Situation bei den Lohnkosten?
Bei den Lohnkosten liegt der durchschnittliche Stundenlohn derzeit bei 3,90 EURO, in den 15 EU-Mitgliedsländern bei 22,70 EURO. Tschechien liegt bei den Ost-Beitrittsländern an 4. Stelle. Geht man von einer verminderten Arbeitsproduktivität von 30 % aus, ergibt sich im momentanen Vergleich Tschechien zur EU ein Verhältnis beim Stundenlohn von 1 : 4. Es ist kaum zu erwarten, dass die Löhne kurzfristig nach oben schnellen werden und unter Berücksichtigung der Lohnnebenkosten, die in Tschechien auf EU Niveau liegen, sind die Lohnvorteile nach wie vor vorhanden. Eine nicht zu unterschätzende Größe ist die Arbeitsproduktivität, die im vergangenen Jahr deutlich langsamer angewachsen ist als die Lohnkosten. Diesen Faktor können nur die leitenden Mitarbeiter der einzelnen Unternehmen direkt beeinflussen, um diesen auf einem günstigen Niveau zu halten. Jedoch gehen wir davon aus, dass sich die Arbeitsproduktivität, wahrscheinlich leider gepaart mit den Löhnen, weiter beschleunigen wird.

4. Welche Erfahrungen hatten Sie als deutscher Unternehmer beim Gründen Ihrer Firma in Tschechien?
Anfang der 90er Jahre fing es an, ich wurde Einkäufer eines mittelständischen (deutschen) Baumaschinenherstellers in Tschechien. Ich kaufte mir dort am Arbeitsort ein Einfamilienhaus; konnte aber als Ausländer die Immobilie nicht als Eigentum erwerben. Das wurde umschifft, indem ich meine tschechische Firma Parabel gründete. Nun mussten Aufenthaltsbewilligungen, inländisches Bankkonto usw. angestrebt werden und es ist mir gelungen, mit Hilfe eines beim Handelsgericht gut bekannten Advokaten und den damals üblichen Zuwendungen für den einen oder anderen Mitarbeiter innerhalb relativ kurzer Zeit die Gründung zu realisieren und zunächst einmal die Immobilie zu erwerben. Aber alles in allem kann innerhalb von 8 - 12 Wochen die ganze Prozedur absolviert werden. Selbstverständlich ist heute wie früher der richtige Kontakt die wertvollste Hilfe und heute wie früher sind die kleinen Aufmerksamkeiten "Motivationen" kaum entbehrlich.

5. Woher nahmen Sie die Fachkräfte für Ihren Betrieb?
Als wir 1994 nach den ersten Musterlieferungen mit der Serienproduktion beginnen wollten, mussten wir die vermeintlich richtigen Mitarbeiter anwerben. Es hat sich herausgestellt, dass zwar jede Menge arbeitswillige Menschen vorhanden sind, jedoch die Qualifikation nicht in dem Maße vorhanden war, wie wir uns das wünschten. Schon nach kurzer Zeit trennte sich, wie man so sagt, die Spreu vom Weizen. Noch heute sind in dem Unternehmen Mitarbeiter aus dieser Zeit beschäftigt und haben teilweise führende Positionen. Es war wichtig, den Mitarbeitern, abgesehen von einer jeweils angemessenen Lohnsteigerung, das richtige Maß an Vertrauen entgegenzubringen und die dem Arbeitsumfeld angepasste Entscheidungsfreiheit zu geben. Übrigens, im Jahr 2001 hat sich im Vergleich zum Vorjahr die Anzahl von kleinen und mittelgroßen Firmen in Tschechien um ca. 18 % verringert. Somit sollte es wohl zurzeit möglich sein, den einen oder anderen geeigneten Partner zu finden, den man für seine eigenen Geschäftsideen in Tschechien gewinnen kann.

6. Abschließend bitten wir Sie, den kleinen und mittelständischen (deutschen) Firmen auf der Grundlage Ihrer Erfahrungen einen Ratschlag zu geben!
Mittlerweile hat sich das Niveau im Osten nach unseren Erkenntnissen auf allen Ebenen erheblich verbessert, sodass wir wohl in den meisten Fällen eine Empfehlung für ein Engagement in Tschechien aussprechen können, nicht was den Markterfolg Ihres Produkts angeht, das bedarf einer speziellen Untersuchung. Hier ist, wie allgemein üblich, eine auf das jeweilige Konsumgut zugeschnittene Marktuntersuchung zu betreiben, um die Chancen für einen gewinnbringenden Vertrieb vorauszusagen. Grundsätzlich sind viele Bereiche vertrieblich noch lange nicht voll erschlossen, und es gibt nach wie vor noch etliche Möglichkeiten, Produkte und Dienstleistungen auf dem Ost-Markt anzubieten.
(Das Gespräch führte Dr. Uwe Niedersen)


Kooperationsbörse April 2003: Internationale Unternehmer im Gespräch; polnische Absolventen der Universität für Informatik und Management Rzeszow (vorn rechts)     Foto: V. Hrncic 

Beim Unterzeichnen der Kooperationsvereinbarungen mit A.M.P.I., s.r.o., Bratislava (Roman Palka) während der Börse      Foto: V. Hrncic 

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