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1. Welche sozialen und wirtschaftlichen Folgen können in
Deutschland durch die EU-Osterweiterung auftreten?
Aus unserer Sicht ist die EU-Osterweiterung langfristig als positiv zu bewerten, obwohl
sich wahrscheinlich in der ersten Zeit zum Teil auch enorme Probleme ergeben werden. Die
Erfahrungen der bisherigen Mitgliedsstaaten sind insgesamt sehr positiv und haben gezeigt,
dass an den landestypischen Gewohnheiten sowohl im privatem als auch im gewerblichen
Bereich kaum gravierende Änderungen eingetreten sind. Ein weiterer Meilenstein wird die
Einführung des Euro sein, der in Tschechien spätestens im Jahre 2011 kommen soll.
Zunächst scheint aufgrund des hohen öffentlichen Defizits von derzeit 6,4 % gemessen am
BIP eine rasche Euro Einführung nicht in Aussicht zu sein. Abgesehen davon kann man aber
bereits in vielen Geschäften mit Eurobargeld bezahlen. Viele Firmen bieten ihre Produkte
schon heute ausnahmslos in Euro an. Die EU- Grenzen verschieben sich durch den Beitritt
automatisch um mehrere hundert Kilometer nach Osten. Hier sehen viele Unternehmer und
Politiker die Gefahr zunehmender Kriminalität, die auch zweifelsohne vorhanden ist. Für
bestimmte Kreise entfällt mindestens eine Grenze und erleichtert somit illegale
Machenschaften. Es wird also beispielsweise erheblich schwieriger, illegale Beschäftigung
zu kontrollieren, als dies zurzeit der Fall ist.
2. Sagen Sie bitte etwas über die gegenwärtigen
Arbeitsmarktzahlen in Tschechien!
Die Arbeitslosenquote liegt momentan bei durchschnittlich 10 %. Regional bezogen bei knapp
18 % zum Beispiel in Nordböhmen, in Prag knapp 4 %. Eine Abnahme ist nach dem Beitritt
nicht zu erwarten, da die Anreize zur Wiederaufnahme einer Tätigkeit nur unzureichend
vorhanden sind und darüber hinaus die Tschechen im Allgemeinen bei der Arbeitssuche sehr
unflexibel sind. Über einen Umzug aus beruflichen Gründen denkt in Tschechien kaum
jemand nach. Facharbeitermangel besteht in fast jeder Region. Man kann also davon
ausgehen, dass auch nach Öffnung der Grenzen keine Massenflucht nach Westen zu erwarten
ist und somit auch aus der Sicht von Tschechien keine Entlastung zu spüren sein wird.
Außerdem sind die Fremdsprachkenntnisse bei gewerblichen Arbeitnehmern nur mäßig
vorhanden, was ein weiterer Hemmschuh für eine Abwanderung darstellt.
3. Wie ist die Situation bei den Lohnkosten?
Bei den Lohnkosten liegt der durchschnittliche Stundenlohn derzeit bei 3,90 EURO, in den
15 EU-Mitgliedsländern bei 22,70 EURO. Tschechien liegt bei den Ost-Beitrittsländern an
4. Stelle. Geht man von einer verminderten Arbeitsproduktivität von 30 % aus, ergibt sich
im momentanen Vergleich Tschechien zur EU ein Verhältnis beim Stundenlohn von 1 : 4. Es
ist kaum zu erwarten, dass die Löhne kurzfristig nach oben schnellen werden und unter
Berücksichtigung der Lohnnebenkosten, die in Tschechien auf EU Niveau liegen, sind die
Lohnvorteile nach wie vor vorhanden. Eine nicht zu unterschätzende Größe ist die
Arbeitsproduktivität, die im vergangenen Jahr deutlich langsamer angewachsen ist als die
Lohnkosten. Diesen Faktor können nur die leitenden Mitarbeiter der einzelnen Unternehmen
direkt beeinflussen, um diesen auf einem günstigen Niveau zu halten. Jedoch gehen wir
davon aus, dass sich die Arbeitsproduktivität, wahrscheinlich leider gepaart mit den
Löhnen, weiter beschleunigen wird.
4. Welche Erfahrungen hatten Sie als deutscher Unternehmer
beim Gründen Ihrer Firma in Tschechien?
Anfang der 90er Jahre fing es an, ich wurde Einkäufer eines mittelständischen
(deutschen) Baumaschinenherstellers in Tschechien. Ich kaufte mir dort am Arbeitsort ein
Einfamilienhaus; konnte aber als Ausländer die Immobilie nicht als Eigentum erwerben. Das
wurde umschifft, indem ich meine tschechische Firma Parabel gründete. Nun mussten
Aufenthaltsbewilligungen, inländisches Bankkonto usw. angestrebt werden und es ist mir
gelungen, mit Hilfe eines beim Handelsgericht gut bekannten Advokaten und den damals
üblichen Zuwendungen für den einen oder anderen Mitarbeiter innerhalb relativ kurzer
Zeit die Gründung zu realisieren und zunächst einmal die Immobilie zu erwerben. Aber
alles in allem kann innerhalb von 8 - 12 Wochen die ganze Prozedur absolviert werden.
Selbstverständlich ist heute wie früher der richtige Kontakt die wertvollste Hilfe und
heute wie früher sind die kleinen Aufmerksamkeiten "Motivationen" kaum
entbehrlich.
5. Woher nahmen Sie die Fachkräfte für Ihren Betrieb?
Als wir 1994 nach den ersten Musterlieferungen mit der Serienproduktion beginnen wollten,
mussten wir die vermeintlich richtigen Mitarbeiter anwerben. Es hat sich herausgestellt,
dass zwar jede Menge arbeitswillige Menschen vorhanden sind, jedoch die Qualifikation
nicht in dem Maße vorhanden war, wie wir uns das wünschten. Schon nach kurzer Zeit
trennte sich, wie man so sagt, die Spreu vom Weizen. Noch heute sind in dem Unternehmen
Mitarbeiter aus dieser Zeit beschäftigt und haben teilweise führende Positionen. Es war
wichtig, den Mitarbeitern, abgesehen von einer jeweils angemessenen Lohnsteigerung, das
richtige Maß an Vertrauen entgegenzubringen und die dem Arbeitsumfeld angepasste
Entscheidungsfreiheit zu geben. Übrigens, im Jahr 2001 hat sich im Vergleich zum Vorjahr
die Anzahl von kleinen und mittelgroßen Firmen in Tschechien um ca. 18 % verringert.
Somit sollte es wohl zurzeit möglich sein, den einen oder anderen geeigneten Partner zu
finden, den man für seine eigenen Geschäftsideen in Tschechien gewinnen kann.
6. Abschließend bitten wir Sie, den kleinen und
mittelständischen (deutschen) Firmen auf der Grundlage Ihrer Erfahrungen einen Ratschlag
zu geben!
Mittlerweile hat sich das Niveau im Osten nach unseren Erkenntnissen auf allen Ebenen
erheblich verbessert, sodass wir wohl in den meisten Fällen eine Empfehlung für ein
Engagement in Tschechien aussprechen können, nicht was den Markterfolg Ihres Produkts
angeht, das bedarf einer speziellen Untersuchung. Hier ist, wie allgemein üblich, eine
auf das jeweilige Konsumgut zugeschnittene Marktuntersuchung zu betreiben, um die Chancen
für einen gewinnbringenden Vertrieb vorauszusagen. Grundsätzlich sind viele Bereiche
vertrieblich noch lange nicht voll erschlossen, und es gibt nach wie vor noch etliche
Möglichkeiten, Produkte und Dienstleistungen auf dem Ost-Markt anzubieten.
(Das Gespräch führte Dr. Uwe Niedersen)
![]() Kooperationsbörse April 2003: Internationale Unternehmer im Gespräch; polnische Absolventen der Universität für Informatik und Management Rzeszow (vorn rechts) Foto: V. Hrncic |
![]() Beim Unterzeichnen der Kooperationsvereinbarungen mit A.M.P.I., s.r.o., Bratislava (Roman Palka) während der Börse Foto: V. Hrncic |