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Mit den Begegnungen kam der Kalte Krieg
Kommissar-Bericht über die Elbe Begegnung bei Torgau entdeckt

Während der Elbe Tage 2005 in Torgau gab der Förderverein Europa Begegnungen e.V. das Buch „Elbe Begegnung. Photo Report, 25./26./27. April 1945" heraus. Die Leserschaft nahm das Buch überaus günstig an, so daß es heute so gut wie vergriffen ist. Aufgrund des gleich von Anfang an zu bemerkenden Zuspruchs für die Schrift, hatten wir unmittelbar reagiert und sind nunmehr in der Lage schon Ende August eine zweite, erweiterte Auflage, man kann praktisch von einem neuen Buch sprechen, zu veröffentlichen. Durch die Aufnahme unbekannter Archivmaterialien aus den USA, Rußland, Deutschland und weiterer noch unveröffentlichter Fotos sowie wertvoller Aussagen von Zeitzeugen erreicht die zweite Auflage einen besonders hohen Informationswert.

Wir haben den Aufsatzteil um den Bericht eines hohen Sowjet-Kommissars erweitert. Es handelt sich um den Leiter der Politischen Abteilung der 5. Gardearmee, Generalmajor Katkow, der die Inhalte der Begegnung zwischen den Generälen Huebner (US-Armee) und Baklanow (Rote Armee), die in Werdau bei Torgau, am 27. April 1945 stattfand, „nach oben" weiter gemeldet hatte. Erstmals erfahren wir, worüber sich die Kommandeure während des Treffens so unterhalten haben. Bisher war nur bekannt geworden, daß man während der Meetings immer wieder die beiden ruhmreichen Armeen und die Staatsführer mit dem Gläschen in der Hand kräftig hoch leben ließ.
Wir haben gefunden, daß Huebner in Werdau einen 4-Punkte Plan vorlegte. In einem der Punkte wird ausgeführt, daß die US-Armee den Sowjets den Vorschlag unterbreitet hatten, die gesprengte Torgauer Elbebrücke als gemeinsames Projekt beider Länder umgehend wieder aufzubauen. Wollten die Amerikaner nur testen, wie die Russen auf den Vorschlag reagieren würden oder dachten sie bereits über sichere Zufahrtswege in Richtung Berlin nach?
Der Kommissar-Bericht enthält weiter, ohne hier bereits zuviel verlauten zu lassen, eine so wichtige Mitteilung, über die wir folgend doch informieren möchten:
Ein amerikanischer Nachrichtenoffizier erhielt am Abend des 26.4.45, wahrscheinlich gegen 19.00 Uhr Moskauer Zeit (18.00 Uhr Deutscher Sommerzeit), das Treffen zwischen General Reinhardt (USA) und Russakow war gerade zu Ende gegangen, im Gelände des Brückenkopfs Torgau, Ostseite der Elbe, so etwas wie ein Telegramm (Depesche), von seinen Aufklärungs- bzw. Nachrichtenleuten zugereicht, dessen Schriftsatz vom Brückenkopf Torgau zur 58. Division und über das 34. Korps zu den höchsten Stellen der Roten Armee gelangte.
Was hatten die Amerikaner den Russen so wichtiges zu telegrafieren?
Das Telegramm enthielt die Erkenntnisse einer nachrichtendienstlichen Tätigkeit der amerikanischen Armee, welche eine Truppenkonzentration von Wehrmachtseinheiten in einem Gebiet nordöstlich von Dessau, mit Angabe des Planquadrats, ausgemacht hatte.
Das war für die 1. Ukrainische Front, die unter Konjew schon nach Norden in Richtung Berlin eingeschwenkt war und den Kessel von Halbe, darin die 9. Armee der Wehrmacht, Befehlshaber General Busse, fest eingeschlossen hatte, eine bedeutsame Nachricht. Tatsächlich hatte die Armee Wenck der Wehrmacht, um dessen Bewegungen es sich hier in dem amerikanischen Telegramm an die Sowjets handelt, bis 26. April ihre Aufstellungsräume zu einem letzten Angriff gegen die Rote Armee eingenommen.
Wencks letzter Angriff gestaltete sich bekanntlich als Befehlsverweigerung gegenüber Hitler und dem OKW. Der Befehl von ganz oben, Berlin und den Führer zu befreien, wurde ignoriert. Hunderttausende junger deutscher Soldaten sollten nicht mehr in einem sinnlosen Häuserkampf verheizt werden. Die Armee Wenck gab sich selbst den Befehl, die bei Halbe und Potsdam eingeschlossenen Kameraden durch Aufsprengung der Kessel aufzunehmen und außerdem sehr viele deutsche Flüchtlinge aus dem Osten und zwar in einem ständigen Abwehrkampf mit den an Soldaten und Material hoch überlegenen sowjetischen Einheiten, zur Elbwesttseite, zu den Amerikanern, zu führen.
Die Tatsache, daß während des ersten Kommandeurstreffens zwischen den Alliierten in Torgau, 26.4.45, ein Telegramm des Nachrichtendienstes der US-Armee über die entscheidende Operation der Wehrmacht nordöstlich der Elbe einging, ist ein neues Moment für die Geschichtsschreibung über die Armee Wenck.
Uns hier in Torgau zeigt dieses schöne Forschungsergebnis darüber hinaus, daß wir die Begegnungen an der Elbe stets in einen größeren Zusammenhang der Militärgeschichte über das Kriegsende zu rücken haben. Im Gegensatz zu all denjenigen, welche die Begegnung an der Elbe bei Torgau als eine bloße Episode des Kriegsgeschehens, so nebenbei behandelt wissen wollen, meinen wir, überhaupt von militärischem Geschehen zwischen Soldaten dreier Armeen, der Roten Armee; Wehrmacht; US-Armee, an Elbe und Mulde sprechen zu müssen.
So werden wir dem Leser der zweiten, erweiterten Auflage unseres Buches Auszüge aus einer Niederschrift des Generals der Panzertruppe Maximilian Reichsfreiherr von Edelsheim, Kommandeur des in unserer Gegend zwischen Mulde und Elbe gestandenen XXXXVIII. Panzerkorps sowie Passagen aus bisher unveröffentlichten Texten aus dem privaten Archiv des ehemaligen Generalstabschefs der Armee Wenck, Günther Reichhelm, heute über 91 Jahre alt, vorlegen können.
Reichhelm schildert beispielsweise hierin die Ereignisse zur Rettung der Wehrmachtssoldaten und deutschen Flüchtlingen aus dem Osten. Wir können weiter nachlesen, welche Verhandlungspunkte General von Edelsheim, Emissär der Armee Wenck, dem Stab der 9. US-Armee am 3. Mai 1945 überreichte und worüber einen Tag später in Stendal gesprochen wurde. Dem Verhandlungsgeschick von Edelsheim war es zu verdanken, daß die Amerikaner die quasi „mit dem Rücken an der Wand" stehenden deutschen Truppen nicht mehr unter Beschuß nahmen.
In Würdigung dieser Leistung von Edelsheim haben wir auf der Rückseite des Buchumschlages ein Großfoto plaziert, das Edelsheim in einem amerikanischen Jeep auf dem Weg zu den Verhandlungen zum Rathaus in Stendal zeigt. Das ist ein sehr seltenes Foto, welches wir aus dem Bestand Reichhelms erhielten.
Mitteilen möchten wir, daß ein größerer Posten im wesentlichen unbekannter Bilder aus einem amerikanischen Archiv bei uns im Förderverein Europa Begegnungen e.V. eingegangen ist. Zusammen mit ersten Stücken aus dem Moskauer Archiv werden wir weitere Fotos in der zweiten Auflage plazieren können. Der Photo Report wird dadurch um etwa 10 Seiten Bildmaterial erweitert.

Der Bericht über die Patrouillentätigkeit, die zu den Begegnungen an der Elbe führten, welchen der Geschichtsschreiber der amerikanischen Armee William J. Fox damals verfaßt hatte, und den wir bereits in der ersten Auflage im Textteil mit abdruckten, ist ein offizielles Schriftstück der US-Armee über die Elbe Begegnung in unserer Region. In einem solchen (obgleich spannenden) Dokument stehen natürlich nicht die Geschichten, die sich so hinter der allgemeinen Geschichte der Begegnung abspielten; welche die Akteure der amerikanischen und sowjetischen Seite auch nicht immer gut aussehen ließen, diese nicht immer nur als „Helden" zur Darstellung bringen. Mitunter, ganz im Gegenteil!
Wir erzählen sie dennoch, weil wir uns um ein zumindest annähernd realistisches Geschichtsbild bemühen wollen, möglichst frei von zuviel subjektiver und patriotischer Zutat.
So wollen wir abschließend gleich noch eine Kostprobe unseres konzeptionellen Ansatzes darbieten und über ein Vorkommnis berichten, das in keinem offiziellen Frontreport der russischen und amerikanischen Armee zu finden ist:
Nach dem 1. Mai flogen die amerikanischen Generäle Collins und Huebner von Leipzig zu Kommandeuren der Roten Armee nach Pilsen; dort verteilten sie Orden, und es wurde kräftig gefeiert. Das Willkommensgeschenk der Sowjets an die Amerikaner, ein Kampfbanner der Roten Armee, wurde beim Rückflug vergessen mitzunehmen. Collins Adjutant flog umgehend aus Gründen der Höflichkeit nach Pilsen zurück, um das wertvolle Geschenk, die Rote Fahne, nach Leipzig zu holen. Die Überraschung war groß, denn der amerikanische Offizier wurde unmittelbar nach erneutem Eintreffen von den Russen verhaftet. Er saß über eine Woche ein und wurde erst nach dem 9. Mai, nach der Befreiung Prags, zu seinen Leuten nach Leipzig zurück verwiesen.
Was mögen sich wohl die beiden hohen Generäle, der 4-Sterne General Bradley (ein Vertrauter Eisenhowers) und der Sowjet-Marschall Konjew so gedacht haben, als just in der Zeit ihrer freundschaftlichen Kontakte ein amerikanischer Offizier bei den Russen einsaß?
Wir möchten hier abschließend noch folgende Meinung kundtun:
Begegnungen zwischen den Sowjets und Amerikanern nur in Form von Schulterklopfen und gegenseitigen Schmeicheleien verstehen zu wollen, sollte heute als antiquiert gelten. Beide „große Körper" beobachteten sich fortlaufend, spähten 24 Stunden am Tag in den anderen hinein; mitunter, so zeigen es manche Quellen, kann in einigen Situationen sogar von einem gegenseitigen Belauern gesprochen werden. Jeder der beiden „Kolosse" hatte vor allem die eigenen Interessen im Blickfeld.
Mit den Begegnungen kam auch der Kalte Krieg: Die Konfrontation der Blöcke hielt ihren Einzug.

Es waren nur wenige (der Begegnungssoldaten), die sich gegen diese aufziehende Gegnerschaft stemmten. Uns fällt hier als besonderer Mensch Joseph Polowsky ein, amerikanischer Begegnungssoldat und eigenwilliger, einsamer Friedensaktivist.

© by Dr. Uwe Niedersen

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