Wirtschaft Technik Tradition

Keine Begegnung der Verbündeten im April des Jahres 1945 in Riesa

Russen ließen die Amerikaner teilhaben an der Inspektion des Gefangenenlagers Mühlberg
(Teil I)

Die Aussage im Report des V. Korps der US-Armee, General Huebner, CP (Befehlsstand) Leipzig, daß am 25.4.1945, 15.30 Uhr in Riesa, Elbwestseite, die russische 15. Division des 34. Korps mit dem 273. Regiment der 69. Division des V. Korps, im Besonderen mit dem "regimentseigenen" Nachrichten- und Aufklärungszug der Amerikaner, eine Begegnung vollzogen wurde, zweifeln wir weiter an. Siehe unseren Artikel in der Torgauer Zeitung vom 7.7.2006. Folgend wollen wir belegen, daß der amerikanische Protokollant einen unrichtigen Eintrag vorgenommen hatte.
Um uns der historischen Wahrheit zu nähern, zählen wir einfach einmal alle uns bekannten, durch Archivquellen belegbaren Begegnungen zwischen Russen und Amerikanern an der Elbe in unserem Gebiet zwischen dem 25.4. und 30.4.1945 auf; wobei wir durchgehend bei den Uhrzeiten die auch von den Amerikanern übernommene Deutsche Sommerzeit verwenden: Die Kotzebue-Patrouille, 273. Regiment der 69. Division, traf am 25.4.1945, 11.30 Uhr, in Leckwitz auf einen sowjetrussischen Kavalleristen; 12.00 Uhr standen Kotzebue, Polowsky u. a. in Lorenzkirch, Ostseite der Elbe, in Mitten toter deutscher Kinder, Frauen und alter Menschen. Die Begegnung wurde durch den russischen Kommissar Karpowitsch abgebrochen und über eine Begegnung mit Oberleutnant Goloborodko, Höhe 129.8, vor 13.00 Uhr, Strehla/ Görzig (Westseite) und danach Kreinitz (Ostseite) gegen 13.30 Uhr mit dem 175. russischen Regiments der 58. Division neu inszeniert.
Es gab weiter die Begegnung der Craig- Patrouille mit den gleichen Russen am 25.4.1945, nach 17.00 Uhr in Kreinitz; kurz zuvor hatten diese auf dem Weg zur Elbe ein Zusammentreffen mit einer Kavalleristengruppe der Sowjets (Clanzschwitz).
Am 25.4.1945 in Torgau, gegen 15.30 Uhr: Robertson traf mit seinen Leuten auf das 173. russische Regiment auf der Elbostseite am Brückenkopf. Er nimmt vier Sowjets mit zu den amerikanischen Linien.
Amerikaner wurden für den nächsten und auch für die folgenden Tage nach Torgau eingeladen: Treffen am 26.4.1945, 10.00 Uhr, Kommandeure Adams, 273. Regiment mit Rogow, 173. Regiment; 16.00 Uhr dann das erste Generalstreffen mit Reinhardt 69. Division und Russakow 58. Division.
Am 27.4.1945 begegneten sich in Werdau bei Torgau die Korpskommandeure Huebner, V. Korps und Baklanow, 34. Korps und schließlich am 30.4.1945 in Graditz bei Torgau die Armeekommandeure Hodges, 1. US Army und Shadow 5. Armee.

Nachzutragen ist eine Begegnung in Priesitz bei Pretzsch. Die Shank-Patrouille von der 104. Division der Amerikaner, CP in Delitzsch, traf 17.30 Uhr auf das 527. Regiment der 118. Division, Oberleutnant Kondraschow. Eine rege Begegnungtätigkeit per Flugzeug setzte zwischen den CP’s Annaburg und Delitzsch ein, u. a. Generäle Allen und Suchanow. Weitere Treffen sind zu vermelden, wie das der Artilleristen in Blumberg (Kreis Torgau) am 26.4. mit Übernachtung. Es gab auch einen Gegenbesuch von Russakow vom 30.4. zum 1.5.1945 bei Reinhardt in Naunhof sowie eine entferntere Begegnung am 30.4.1945 in Apollensdorf (Nähe Zerbst) durch die 83. Division der US Armee mit der Roten Armee.
Jetzt taucht aber im Protokoll des V. Korps der US Armee eine Begegnung am 25.4.1945, 15.30 Uhr in Riesa auf: Die russische 15. Division soll, wie bereits oben vermerkt, dabei auf den Nachrichten- und Aufklärungszug des 173. amerikanischen Regiments der 69. Division getroffen sein. Damit haben wir, wie gesagt, ein Problem. Wir haben, um es zu lösen, Archivstücke aus dem Militärarchiv in Moskau durchgesehen.
Und tatsächlich ist in den Akten vermerkt, daß die Rote Armee und zwar das 50. Regiment der 15. Division des 34. Korps Angehörige des 273. Regiment der 69. Division der Amerikaner in Riesa begrüßte, um gemeinsam ein großes Lager mit amerikanischen und britischen Gefangenen zu inspizieren.
Es ging hier in Riesa also nicht um eine der ersten Begegnungen zwischen den beiden Armeen sondern viel mehr wollten die Amerikaner vor Ort herausfinden, wieviel alliierte Kriegsgefangene und unter welchen Umständen diese dort im Lager lebten. Es handelte sich natürlich um das Lager Mühlberg, STALAG IV B. In den russischen Akten ist leider der genaue Tag der gemeinsamen Inspektion nicht vermerkt; dennoch wird erkennbar, daß in den Tagen nach dem 25./26. April 1945 das US Militär mit den Russen über Riesa in das Lager Mühlberg gelangten.

Die Frage nach dem Protokoll eines Treffs in Riesa bleibt
(Teil II)

Kotzebue und Craig waren während ihres Aufenthalts in Kreinitz/Burxdorf, 25. und 26. 4. 1945, zu einer Kurzvisite im Lager Mühlberg. Darüber berichteten sie sowie einige dort einst gefangene Amerikaner dem Stab des Regiments bzw. der Division am Abend des 26.4. in Trebsen und Naunhof. Ziemlich sicher ist, daß die sogenannte "Riesa- Begegnung" eine Lagerinspektion war, am 28. April 1945 oder kurz danach.
Die Verhandlungen während der Inspektion in Mühlberg hatten erbracht, daß die amerikanischen Kriegsgefangenen sofort Anfang Mai zu Fuß nach Riesa geführt, dort nochmals durch Russinnen registriert und Richtung Mulde weiter geleitet wurden. Angemerkt werden muß in dem Zusammenhang allerdings, daß etwa ab dem 23.4.1945 Hunderte Insassen dem Lager Mühlberg den Rücken kehrten und ähnlich wie Wehrmachtsangehörige sowie Zivilisten Richtung Mulde zogen, um sich, von der Roten Armee möglichst weit weg, in amerikanische Obhut zu begeben.
Noch einmal zurück zu der Aussage des amerikanischen Protokollanten vom V. Korps, daß der Nachrichten- und Aufklärungszug des 273. Regiments der 69. Division die "Riesa- Begegnung" am 25.4.1945, 15.30 Uhr vollzogen haben soll.Hier ist wiederum richtig, daß das 273. Regiment einen Nachrichten- und Aufklärungszug hatte. Tatsächlich war auch eine Patrouille unter Gumpert aus dieser besagten Spezialtruppe am 25.4.1945 am zeitigen Morgen von Trebsen aus zur Aufklärung Richtung Elbe gesandt worden. Die Gumpert - Patrouille hatte sogar den ausdrücklichen Auftrag, wie wir dem Report des 273. Regiments entnehmen, Kontakt zu den Russen herzustellen. Die Patrouille kam bis kurz vor Schildau. Auf ihrem Wege schickte sie Wehrmacht in Gefangenschaft. Sie erfuhr von alliierten Kriegsgefangenen, daß Schildau durch 200 und Torgau durch 800 Wehrmachtssoldaten, die bereit wären zu kämpfen, jeweils besetz seien. Die Gumpert- Leute klärten Abschnitte der beiden Wege auf, welche das 48. Panzerkorps der Wehrmacht nutzte, um durch die Dübener Heide Richtung Coswig, Ostseite Elbe, zu gelangen. Die Gumpert - Patrouille klärte allerdings nicht zu lange auf und war bereits gegen 14.30 Uhr wieder im Regimentsbefehlsstand Trebsen anzutreffen.
Also dieser Teil des Nachrichten- und Aufklärungszugs war am 25.4.1945 niemals 15.30 Uhr in Riesa. Dennoch könnte es schon ein Auftrag für einen Nachrichten- und Aufklärungszug gewesen sein, ein Gefangenenlager zu inspizieren, doch nicht am 25. April. Noch ein Argument: Obgleich die 15. Division der Roten Armee einen Brückenkopf am 25. April 1945 in Riesa hielt, war die Stadt bzw. seine Peripherie durch relativ starke Wehrmachtskräfte belegt, die sich erst am 26./ 27. April Richtung Meißen, Lommatzsch zurückzogen und dann in der Heeresgruppe Mitte (Generalfeldmarschall Schörner) aufgingen. Eine amerikanische Patrouille am 25.4. im Stadtzentrum von Riesa ist kaum vorstellbar.
Eine wichtige Frage stellt sich am Ende doch noch: Warum läßt ein Protokollant sich dazu hinreißen, festzulegen, daß in Riesa am 25.4.1945, 15.30 Uhr eine erste Begegnung der Verbündeten Truppen statt fand? Es lohnt sich durchaus, darüber nachjzudenken.

 © by Dr. Uwe Niedersen

zurück