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Die Geschichte des jungen Leutnants Kotzebue, welcher in der US-Armee zum Stein des Anstoßes wurde
„Unter keinen Umständen Zwischenfälle mit den Russen"
(Teil I)

Der Schreiber des Armeeprotokolls (After Action Report) vom V. Korps, welches der 1. US Army zugehörig war, hatte vermerkt, dass die erste Begegnung zwischen Russen und Amerikanern durch den Nachrichten- und Aufklärungszug des 273. Regiments der 69. Division des genannten Korps, am 25. April 1945, 15.30 Uhr in Riesa vollzogen wurde. Torgau war im gleichen Report als Begegnungsort durchaus genannt, doch statt Lorenzkirch, Strehla, Kreinitz oder Burxdorf anzuführen, alles Orte, in denen ab etwa 12.00 Uhr am 25.4. Treffen zwischen den Russen und der Kotzebue (Craig)-Patrouille tatsächlich stattfanden, wurde von dem Korps-Protokollanten überraschend Riesa gesetzt, ohne auch nur einen der genannten kleineren Orte zu erwähnen.
Wie wir in vorherigen Artikeln, Torgauer Zeitung vom 14.7. und vom 21.7.06, nachwiesen, konnte der falsche Protokolleintrag kein Versehen sein.
So wollen wir hier ausdrücklich die These formulieren, dass der Protokollant des Militärberichts aus dem V. Korps für den 25. April 1945 wissentlich die Leistung der Patrouille unter Leutnant Albert Kotzebue, eben des ersten amerikanischen Offiziers, der einem russischen Offizier, Oberstleutnant Gordejew, die Hand reichte, ignorierte. Warum hatte der Protokollant eine Tatsache unterdrückt, die offenbar im Zusammenhang mit Kotzebues Patrouillengang unangenehm war?
Anders gefragt, warum war man im Stab des V. Korps so aufgebracht gegenüber dem unbedeutenden jungen Leutnant Kotzebue? Man war natürlich auch enttäuscht über General Reinhardt (Division) und Oberst Adams (Regiment), da unter beider Befehlsgewalt etwas, das den Generälen ganz oben wie Hodges, Bradley eventuell auch Eisenhower sehr bedeutsam erschien, aus den Fugen geraten war.
Was war nun das "Etwas" und was war aus den Fugen geraten?
Die amerikanische 12. Armeegruppe unter 4-Sterne-General Omar Bradley hatte bereits in der zweiten Aprilwoche damit gerechnet, dass die Begegnung zwischen Russen und Amerikanern durch die 9. Armee unter General Simpson zustande kommen würde, denn sie erreichte mit ihren Panzerspitzen am 13. April im Raum Magdeburg die Elbe.
Nun stand aber gerade dort das XX. Armeekorps der 12. Armee der Wehrmacht (Armee Wenck), das noch kräftig kämpfte; der größte Teil der 1. Ukrainischen Front unter Konjew war nach Norden, Richtung Berlin eingeschwenkt, so dass sich trotz Funkkontakte mit den Russen die Begegnung der beiden Armeekörper einfach nicht einstellen wollte. Außerdem gab es Reibereien zwischen Amerikanern und den russischen Verbündeten. In der Region um Zerbst soll es sogar zum Schusswechsel zwischen Soldaten beider Armeen gekommen sein. Das waren gefährliche Zwischenfälle, die Eisenhower absolut nicht wünschte. Er hatte zu Jahresbeginn genug Probleme, etwa bei Stalin in Erfahrung zu bringen, welche konkreten militärischen Ziele die Rote Armee im Frühjahr 1945 ansteuere und wie und wo eine Begegnung zwischen Russen und Amerikanern ohne Zwischenfälle ablaufen könne.
Der Geschehensschwerpunkt in Sachen "Begegnung" ging von der 9. auf die 1. Amerikanische Armee über. General Hodges instruierte sein, hier immer wieder genanntes V. Korps, daß eine Begegnung östlich der Mulde in Richtung Elbe wahrscheinlich werden würde. Von Eisenhower ausgehend, über Bradley, rief Hodges Generäle der 1. US Army zusammen. Während dieser Besprechung sagte er wörtlich: "Wir wollen unter keinen Umständen irgendwelche Zwischenfälle mit diesen Leuten (den Russen- U.N.) zulassen." (Zitat nach Archivunterlagen Huebner und Hill). Die russische Seite wurde gegen Ende des Krieges den Amerikanern gegenüber oftmals misstrauisch. Zwischenfälle, wie bei Zerbst, konnten nicht ausgeschlossen werden.
So instruierte General Huebner vom V. Korps nach der Generalsbesprechung seine 69. Division und diese das 273. Regiment.

Halten wir fest: Der militärische Verbündete, also die Russen, waren für die Amerikaner das Problem beim Begegnen und nicht vordergründig die Wehrmacht östlich der Mulde. Die amerikanische Armee an der Mulde wusste längst durch eigene Aufklärung, dass die Wehrmacht zwischen Mulde und Elbe Richtung Wörlitz, Coswig abzog. Viele Landser riskierten nichts mehr. Sie suchten die amerikanische Gefangenschaft. So war die Situation zwischen Mulde und Elbe um den 25. April 1945.
Eine amerikanische Patrouille unter Leutnant Albert Kotzebue sollte Ausschau halten, was östlich der Mulde so los war. Wüsste dort irgend jemand, wo die Russen gerade stehen? Wie ist auf der rechten Muldenseite die Situation bezüglich alliierter Verwundeter bzw. Kriegsgefangener? Gab es da doch noch Reste von Wehrmacht?
Mit der Festlegung, höchstens 5 Meilen beim Aufklären vorzugehen, glaubten die amerikanischen Generäle, ernste Zwischenfälle, vor allem solche mit der Roten Armee, auszuschließen.

Statt des "Silbernen Sterns" kam am Ende dann doch nur der "Bronzene"
(Teil II)

Nach dem Abrücken der Kotzebue-Patrouille von Trebsen (Mulde) aus am 24.4.45 sollten dann einen Tag später die Spezialisten des bereits genannte Nachrichten- und Aufklärungszugs des 273. Regiments und zwar ausdrücklich, mit dem Befehl versehen: Macht Kontakt mit den Russen!, zur Geltung kommen. Die 5 Meilen blieben aber auch bei denen die Grenze beim Aufklären.

Wie bekannt, begegnete sich Kotzebue einfach mal so mit den Sowjets. Er ließ am 25.4.1945 die Party mit den Russen, mit einem Glas in der Hand schon einmal anlaufen. Kotzebues Funkspruch "Mission erfüllt" und die Erkenntnis bei den Generälen, dass die Begegnung ohne jeden Zweifel geschehen war, schlug wie eine Bombe ein. Jeder der Kommandeure hoffte, dass ja kein unliebsamer Zwischenfall mit den Russen oder andere Dinge von da draußen gemeldet werden würde. Bei Kotzebue war dann zusätzlich "handwerklich" so einiges schief gelaufen: verwirrende und zu spät eingehende Funksprüche; Angabe einer falschen Ortskoordinate über den Standort seiner Gruppe.

Ein Flugzeug der 69. Division, die Aktion selbst war durch das V. Korps, General Huebner, empfohlen worden, flog aufgrund der falschen Kotzebue-Koordinate bis nach Riesa (!) heran. Dort erhielt es Flakbeschuss durch die Wehrmacht. Es kehrte um. Die Stimmung im V. Korps und in der 69. Division war danach auf dem Tiefstpunkt.
Für Huebner war Reinhardt und für Reinhardt letztendlich Leutnant Kotzebue der "Blitzableiter".
Letzterer wollte Kotzebue sogar noch vor ein Kriegsgericht bringen. Ein General unter Reinhardt in der Division konnte ihn mit der Bemerkung davon abbringen, dass es doch wohl "dämlich aussehen würde", wenn man gegen den Offizier der ersten Begegnung kriegsgerichtlich vorgehen würde.
Wie auch immer, das militärische Durcheinander bei den Amerikanern in Sachen welthistorischer Begegnung musste zumindest ab der Korps- Ebene sein Ende haben.

So lautet dann unsere These: Es war Sache des Korps-Protokollanten die Angelegenheit etwas zu frisieren. Die Protokollanten unterhalb des V. Korps, die in der Division und im Regiment, mussten das nicht tun, weil Huebner als Korps-Chef den "Fall Kotzebue" ausführlich kannte.
Das Protokoll über den 25. April sollte die amerikanische Armee ab der Korps-Ebene wieder gut aussehen lassen. Da der Stab von General Hodges ausschließlich die Militärberichte der Korps gründlich las, musste der Protokollant des V. Korps die Sache so aufschreiben, wie sie hätte laut Vorstellung der Generäle ablaufen sollen. Das tat er dann auch:
Der Nachrichten- und Aufklärungszug erwirkte am 25. April 1945 den Kontakt zu den Russen in Riesa und zwar um 15.30 Uhr. Außer, dass gerade dieses die Kotzebue-Patrouille getan hatte, war doch alles richtig: Kotzebues kleine Dörfer an der Elbe waren alle in der Nähe Riesas gelegen. Seine Funkbotschaft "Mission erfüllt" traf in Trebsen (Regiment) 15.15 Uhr ein; wahrscheinlich erfuhren die in der Division bzw. im Korps, da das Telegramm sofort weitergeleitet wurde, 15.30 Uhr davon. So hatte man sogar eine Zeitangabe. Das Flugzeug der Division hatte Kotzebue versehentlich nach Riesa "bestellt". Der Ort Riesa stimmte also wiederum. Das Wichtigste aber, von Riesa aus kümmerte sich der Nachrichten- und Aufklärungszug des 273. Regiments, wenn auch einige Tage nach dem 25.4., um die Heimholung amerikanischer Kriegsgefangener. Eine solche Aktion kam bei allen Amerikanern immer gut an.
Wir können davon überzeugt sein, dass kaum ein Amerikaner der 69. Division und des 273. Regiments jemals den falschen Eintrag des Protokollanten des V. Korps mitgeteilt erhalten hat. Das war nur denen über der Korps- Ebene vergönnt. Doch, was wussten diese Leute da oben schon von einem mutigen Leutnant Kotzebue in Lorenzkirch, für den man später doch noch den Orden "Silberner Stern" beantragte. Über den Zustellungsdienst kam dann aber bei Kotzebue in einem Schächtelchen nur der "Bronzene" an.

Da sich der Begegnungsschwerpunkt sowieso auf Torgau an der Elbe verlagert hatte und die amerikanischen Generäle sichtlich zufrieden Richtung Torgau zu den Russen unterwegs waren, um Ruhm einzuheimsen, war der nicht korrekte Protokolleintrag im Bericht des V. Korps für alle weiter oben unbedeutend geworden.

© by Dr. Uwe Niedersen

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