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Die Begegnungen von Armeen, zum einen in Brest-Litowsk am Bug
(heute Brest, eine weißrussische Stadt an der Grenze zu Polen) und zum anderen in Torgau
an der Elbe, lassen schon auf den ersten Blick unübersehbar Verschiedenheiten erkennen.
Es sind die jeweiligen Vorgeschichten der Begegnungen, welche den Unterschied ausmachen.
Beim genaueren Hinsehen zeigen sich dennoch Gemeinsamkeiten. Das ist doch
interessant!?
Die Begegnung in Brest-Litowsk zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee erfolgte
zu Beginn des II. Weltkrieges, im September 1939. Gemäß Hitlers Befehl drang ab 1.
September 1939 die Wehrmacht über die Reichsgrenze nach Polen ein. Stalin hatte seine
Rote Armee etwas später von Osten her in Polen einfallen lassen.
Die Begegnung in Torgau zwischen der US-Armee und der Roten Armee markierte
hingegen das Ende des opferreichen, grausamen II. Weltkrieges. Die Vorgeschichte der
Torgau-Begegnung hatte eine gewaltigere Dimension, als die in Brest-Litowsk. Europa hatte
sich im April 1945 ausgekämpft und wurde neu sortiert.
Die Begegnung am Bug zwischen Wehrmacht und Roter Armee war spektakulär und
tragisch. Immerhin verschwand durch die Kumpanei von Hitler und Stalin der Staat Polen von
der Landkarte.
Mit der Begegnung von Brest-Litowsk kam der Krieg, der Überfall deutscher Truppen
auf weitere Länder.
Mit der Begegnung von Torgau kam der Kalte Krieg, der Überfall" der
jeweiligen Propagandazentralen auf die Köpfe der Menschen in Ost und West.Beide
Begegnungen waren somit nur vorübergehende Haltepunkte" in bewegten Zeiten.
Es ist der Hitler-Stalin-Pakt, der noch heute die Gemüter erregt und mit die
Voraussetzung des Treffens in Brest-Litowsk bildete.
Rußlands Beziehungen zu Deutschland waren damals nach dem I. Weltkrieg nicht die
Schlechtesten. Bereits Lenin hatte mit dem durch den Versailler-Vertrag benachteiligten
Deutschland Verständnis. Die Firmen Rheinmetall, Daimler-Benz und Krupp bauten heimlich
Panzer, die dann im sowjetischen Rußland an der Kama ausprobiert wurden.
Stalins Überlegungen nachkommend mußte ein neuer Vertrag zwischen Deutschland und
der Sowjetunion her, welcher dann auch am 23. August 1939 in Moskau schon nach 3 Stunden
Verhandlungen durch die Außenminister Rippentrop (Deutsches Reich) und Molotow
(Sowjetunion) abgenickt worden war. Unterschrieben wurde ein Nichtangriffspakt mit einem
Geheimen Zusatzprotokoll, welches die imperiale, räuberische Annexion fremder Gebiete in
Osteuropa vorsah.
Stalin und Moltow auf der einen Seite und Rippentrop, Graf von der Schulenburg
(Deutscher Botschafter in Moskau) auf der anderen Seite erhoben die Gläser und prosteten
auf das deutsche Volk, den neuen Pakt und die neu belebten deutsch-russischen Beziehungen.
Das tat übrigens betont auch Stalin, der sogar auf den Führer trank. Rippentrop damals
im Kreml in Hochstimmung meinte in sein Tagebuch über die Kreml-Zusammenkunft mit Stalin
und Molotow schreiben zu müssen: Habe mich in ihrer Mitte gefühlt wie unter alten
Parteigenossen".
Nicht so aufgebauscht und einem nüchtern gehaltenen Protokoll gemäß vollzogen am
22. September 1939 die deutschen und russischen Panzergeneräle und Offiziere wie (u.a.)
Guderian (Wehrmacht) und Kriwoschein (Rote Armee) in Brest-Litowsk ihre Begegnungsfeier.
Der Moskauer Vertrag hatte, wie gesagt, die Begegnung der Wehrmacht und der Roten Armee im
Gefolge.
Wie begegneten sich die Armeen nun konkret?
Fangen wir mit Brest-Litowsk an.
Am 17. September 1939 fiel sehr verlustreich für die Wehrmacht die polnische
Festung Brest-Litowsk. Deutsche Truppen stießen zwar noch weiter, etwa 50 km östlich,
bis Kobryn vor, doch das Oberkommando der Wehrmacht befahl den Stopp der Panzer-Spitzen.
Die Rote Armee hatte sich, im Begriff die Berührung mit der Wehrmacht einzuleiten, von
Osten her genähert. Um den 20. September tauchte ein Patrouillen-Fahrzeug, ein
Sowjet-Panzerspähwagen mit einem jungen Offizier vor den deutschen Linien auf (War es ein
Leutnant?) und dieser teilte den Vertretern der Wehrmacht mit, daß eine sowjetische
Panzerbrigade für eine unmittelbare Kontaktaufnahme bereits in der Bewegung sein würde.
In den Gesprächen, die den Moskauer Vertrag umgaben, war als Demarkationslinie für die
Armeen der Bug, Westseite Wehrmacht und Ostseite Rote Armee, mit dem Ausführungsdatum 22.
September 1939 festgelegt worden. Das frühe Datum für die Entflechtung der Truppen war
durch die deutschen Einheiten nicht zu realisieren. So gab es am 22. 9. 39 zuerst einmal
ein Treffen der Offiziere und Soldaten in Form einer gemeinsamen Parade der Truppe sowie
der Panzer-Technik der Wehrmacht und der Roten Armee auf dem Brest-Litowsker Prospekt. Bei
der Gelegenheit wurde der Wehrmacht die Rote Fahne mit Hammer und Sichel überreicht, und
die Rote Armee bekam als Gegengeschenk auch eine Fahne mit roter Färbung, allerdings mit
dem Hakenkreuz in der Mitte. Schnell einigten sich die Panzergeneräle Guderian und
Kriwoschein darauf, daß die Wehrmacht die Tage nach dem Begegnungszeremoniell noch nutzen
könnte, um Verwundete, die Truppe selbst und das Gerät von der Ostseite des Bugs
abzuziehen. Die Proviantmagazine der polnischen Armee waren von deutscher Seite geöffnet,
doch dann letztlich den Russen überlassen worden.
Die Begegnung an der Elbe war (zumindest äußerlich)
ähnlich verlaufen. So wie im September 1939 praktisch keine polnischen Soldaten mehr
zwischen Wehrmacht und Roter Armee standen, durchfuhren in den April-Tagen von 1945
amerikanische Patrouillen eine wehrmachtsfreie Zone zwischen Mulde und Elbe. Beliebtes
Geschenk bei den Treffen waren wiederum Fahnen für die jeweils andere Seite. Auch hier
regelten die Front-Kommandeure die wichtigsten Angelegenheiten selbst vor Ort, zum
Beispiel die Übernahme der Städte und Dörfer; den Austausch der Gefangenen, der
Verwundeten; das Öffnen von Proviantmagazinen.
Ähnlich wie Wehrmachtsgruppen am Kriegsende versuchten möglichst in amerikanische
Gefangenschaft zu gelangen, so fluteten tausende polnischer Soldaten zurück, nur weg von
den Rotarmisten, westwärts, um sich, wenn schon, dann den deutschen Truppen zu stellen.
Heute fehlen uns leider noch Detailinformationen über die Brest-Litowsker
Begegnung. Wer war der junge russische Offizier, der im Panzerspähwagen eine historische
Patrouille fuhr, wie das dann später Kotzebue und Robertson zwischen Mulde und Elbe
taten? Gab es in Brest-Litowsk möglicherweise auch ein Treffen der kleinen
Leute" (Soldaten)? Wie wurde die militärische Begegnung von der Bevölkerung vor Ort
verkraftet? Wer war und was wurde aus dem sowjetischen Panzer-Brigadegeneral Kriwoschein?
Wie haben die Politkommissare den Rotarmisten die Bedeutung der Begegnung mit der
Wehrmacht beigebogen? Noch wissen wir es nicht. Die Archive in Weißrußland sind fester
verschlossen als anders wo.
Das Thema Begegnungen in Torgau und Brest-Litowsk Gemeinsamkeiten und
Unterschiede" ist in seiner Bearbeitung sehr anspruchsvoll, doch ungeheuer spannend.
© by Dr. Uwe Niedersen