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Torgau und Brest-Litowsk – Begegnungen von Armeen im II. Weltkrieg

Vor 66 und vor 60 Jahren.
Der Handschlag der Roten Armee mit der Wehrmacht in Brest-Litowsk am Bug zu Beginn und mit der US-Armee in Torgau an der Elbe zum Ende des II. Weltkrieges

Die Begegnungen von Armeen, zum einen in Brest-Litowsk am Bug (heute Brest, eine weißrussische Stadt an der Grenze zu Polen) und zum anderen in Torgau an der Elbe, lassen schon auf den ersten Blick unübersehbar Verschiedenheiten erkennen. Es sind die jeweiligen Vorgeschichten der Begegnungen, welche den Unterschied ausmachen.
Beim genaueren Hinsehen zeigen sich dennoch Gemeinsamkeiten. Das ist doch interessant!?
Die Begegnung in Brest-Litowsk zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee erfolgte zu Beginn des II. Weltkrieges, im September 1939. Gemäß Hitlers Befehl drang ab 1. September 1939 die Wehrmacht über die Reichsgrenze nach Polen ein. Stalin hatte seine Rote Armee etwas später von Osten her in Polen einfallen lassen.
Die Begegnung in Torgau zwischen der US-Armee und der Roten Armee markierte hingegen das Ende des opferreichen, grausamen II. Weltkrieges. Die Vorgeschichte der Torgau-Begegnung hatte eine gewaltigere Dimension, als die in Brest-Litowsk. Europa hatte sich im April 1945 ausgekämpft und wurde neu sortiert.
Die Begegnung am Bug zwischen Wehrmacht und Roter Armee war spektakulär und tragisch. Immerhin verschwand durch die Kumpanei von Hitler und Stalin der Staat Polen von der Landkarte.
Mit der Begegnung von Brest-Litowsk kam der Krieg, der Überfall deutscher Truppen auf weitere Länder.
Mit der Begegnung von Torgau kam der Kalte Krieg, der „Überfall" der jeweiligen Propagandazentralen auf die Köpfe der Menschen in Ost und West.Beide Begegnungen waren somit nur vorübergehende „Haltepunkte" in bewegten Zeiten.
Es ist der Hitler-Stalin-Pakt, der noch heute die Gemüter erregt und mit die Voraussetzung des Treffens in Brest-Litowsk bildete.
Rußlands Beziehungen zu Deutschland waren damals nach dem I. Weltkrieg nicht die Schlechtesten. Bereits Lenin hatte mit dem durch den Versailler-Vertrag benachteiligten Deutschland Verständnis. Die Firmen Rheinmetall, Daimler-Benz und Krupp bauten heimlich Panzer, die dann im sowjetischen Rußland an der Kama ausprobiert wurden.
Stalins Überlegungen nachkommend mußte ein neuer Vertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion her, welcher dann auch am 23. August 1939 in Moskau schon nach 3 Stunden Verhandlungen durch die Außenminister Rippentrop (Deutsches Reich) und Molotow (Sowjetunion) abgenickt worden war. Unterschrieben wurde ein Nichtangriffspakt mit einem Geheimen Zusatzprotokoll, welches die imperiale, räuberische Annexion fremder Gebiete in Osteuropa vorsah.
Stalin und Moltow auf der einen Seite und Rippentrop, Graf von der Schulenburg (Deutscher Botschafter in Moskau) auf der anderen Seite erhoben die Gläser und prosteten auf das deutsche Volk, den neuen Pakt und die neu belebten deutsch-russischen Beziehungen. Das tat übrigens betont auch Stalin, der sogar auf den Führer trank. Rippentrop damals im Kreml in Hochstimmung meinte in sein Tagebuch über die Kreml-Zusammenkunft mit Stalin und Molotow schreiben zu müssen: „Habe mich in ihrer Mitte gefühlt wie unter alten Parteigenossen".
Nicht so aufgebauscht und einem nüchtern gehaltenen Protokoll gemäß vollzogen am 22. September 1939 die deutschen und russischen Panzergeneräle und Offiziere wie (u.a.) Guderian (Wehrmacht) und Kriwoschein (Rote Armee) in Brest-Litowsk ihre Begegnungsfeier. Der Moskauer Vertrag hatte, wie gesagt, die Begegnung der Wehrmacht und der Roten Armee im Gefolge.

Wie begegneten sich die Armeen nun konkret?
Fangen wir mit Brest-Litowsk an.
Am 17. September 1939 fiel sehr verlustreich für die Wehrmacht die polnische Festung Brest-Litowsk. Deutsche Truppen stießen zwar noch weiter, etwa 50 km östlich, bis Kobryn vor, doch das Oberkommando der Wehrmacht befahl den Stopp der Panzer-Spitzen. Die Rote Armee hatte sich, im Begriff die Berührung mit der Wehrmacht einzuleiten, von Osten her genähert. Um den 20. September tauchte ein Patrouillen-Fahrzeug, ein Sowjet-Panzerspähwagen mit einem jungen Offizier vor den deutschen Linien auf (War es ein Leutnant?) und dieser teilte den Vertretern der Wehrmacht mit, daß eine sowjetische Panzerbrigade für eine unmittelbare Kontaktaufnahme bereits in der Bewegung sein würde. In den Gesprächen, die den Moskauer Vertrag umgaben, war als Demarkationslinie für die Armeen der Bug, Westseite Wehrmacht und Ostseite Rote Armee, mit dem Ausführungsdatum 22. September 1939 festgelegt worden. Das frühe Datum für die Entflechtung der Truppen war durch die deutschen Einheiten nicht zu realisieren. So gab es am 22. 9. 39 zuerst einmal ein Treffen der Offiziere und Soldaten in Form einer gemeinsamen Parade der Truppe sowie der Panzer-Technik der Wehrmacht und der Roten Armee auf dem Brest-Litowsker Prospekt. Bei der Gelegenheit wurde der Wehrmacht die Rote Fahne mit Hammer und Sichel überreicht, und die Rote Armee bekam als Gegengeschenk auch eine Fahne mit roter Färbung, allerdings mit dem Hakenkreuz in der Mitte. Schnell einigten sich die Panzergeneräle Guderian und Kriwoschein darauf, daß die Wehrmacht die Tage nach dem Begegnungszeremoniell noch nutzen könnte, um Verwundete, die Truppe selbst und das Gerät von der Ostseite des Bugs abzuziehen. Die Proviantmagazine der polnischen Armee waren von deutscher Seite geöffnet, doch dann letztlich den Russen überlassen worden.

Die Begegnung an der Elbe war (zumindest äußerlich) ähnlich verlaufen. So wie im September 1939 praktisch keine polnischen Soldaten mehr zwischen Wehrmacht und Roter Armee standen, durchfuhren in den April-Tagen von 1945 amerikanische Patrouillen eine wehrmachtsfreie Zone zwischen Mulde und Elbe. Beliebtes Geschenk bei den Treffen waren wiederum Fahnen für die jeweils andere Seite. Auch hier regelten die Front-Kommandeure die wichtigsten Angelegenheiten selbst vor Ort, zum Beispiel die Übernahme der Städte und Dörfer; den Austausch der Gefangenen, der Verwundeten; das Öffnen von Proviantmagazinen.
Ähnlich wie Wehrmachtsgruppen am Kriegsende versuchten möglichst in amerikanische Gefangenschaft zu gelangen, so fluteten tausende polnischer Soldaten zurück, nur weg von den Rotarmisten, westwärts, um sich, wenn schon, dann den deutschen Truppen zu stellen.
Heute fehlen uns leider noch Detailinformationen über die Brest-Litowsker Begegnung. Wer war der junge russische Offizier, der im Panzerspähwagen eine historische Patrouille fuhr, wie das dann später Kotzebue und Robertson zwischen Mulde und Elbe taten? Gab es in Brest-Litowsk möglicherweise auch ein Treffen der „kleinen Leute" (Soldaten)? Wie wurde die militärische Begegnung von der Bevölkerung vor Ort verkraftet? Wer war und was wurde aus dem sowjetischen Panzer-Brigadegeneral Kriwoschein? Wie haben die Politkommissare den Rotarmisten die Bedeutung der Begegnung mit der Wehrmacht beigebogen? Noch wissen wir es nicht. Die Archive in Weißrußland sind fester verschlossen als anders wo.
Das Thema „Begegnungen in Torgau und Brest-Litowsk – Gemeinsamkeiten und Unterschiede" ist in seiner Bearbeitung sehr anspruchsvoll, doch ungeheuer spannend.

© by Dr. Uwe Niedersen

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