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1. Allgemeines
Was bedeutet es eigentlich, Bürger in Torgau zu sein?
Es hat eine ähnliche Bedeutung, wie Mitglied in einer Familie, in einem Verein, in einer
Firma usw. zu sein, in der die Angehörigen für das Wohl der jeweiligen Körperschaft
eintreten. Mit anderen Worten, der Bürger soll auf den Erhalt des Ganzen bedacht sein. Er
soll einerseits gemeinnützig tätig sein, indem er sich darum bemüht, den Alltag in der
Stadt mitzugestalten und eine Situation mit inszenieren hilft, in der Produkte,
einschließlich Dienstleistungen angeboten werden können oder er wird andererseits selbst
zum Initiator, um den Verkauf von Produkten vorzunehmen.
Der Bürger tut das von sich aus oder im Verbund mit anderen. Das Tun in einer
Stadt muß aber verwaltet und geführt werden. Das Sein und das Werden der Stadt Torgau
ist das gemeinsame Anliegen der Bürger und der Verwaltung.
Um das bisher Gesagte realisieren zu können, muß eine Richtschnur (Konzeption) erstellt
werden.
Eine Konzeption zu erarbeiten bedeutet, theoretische Überlegungen
vorzunehmen.
Die Theorie kam in Torgau bisher zu kurz weg.
Wozu benötigen wir Theorie?
Theorie läßt uns selbst erkennen. Wir verstehen besser unser Tun und das anderer.
Wir können durch theoretische Überlegungen anderen mitteilen, was uns beim Leben in
unserer Stadt wichtig ist. Durch die Theorie wird das Wesentliche ermittelt. Das was wir
wollen. Was für uns Bürger wesentlich und wichtig ist, hätten wir durch theoretische
Überlegungen griffbereit, weil durch uns schon einmal gedacht und ausgesprochen,
vielleicht auch aufgeschrieben.
Warum müssen wir das, was uns im Leben hier wichtig ist, griffbereit (abrufbar)
haben?
Wenn zum Beispiel der Oberbürgermeister von Jerusalem (Israel) Torgau einen Brief
mit der Aufforderung zur Zusammenarbeit schreibt, ein anderer Bürgermeister tut das
vielleicht aus einer Stadt in Finnland, Polen, Tschechien; wenn Generalkonsule aus
Rußland und den USA oder wenn Medienvertreter Gespräche mit Vertretern der Stadt
wünschen; wenn eine wichtige Rede in der Stadt gehalten werden soll; wenn eine bedeutsame
Ausstellung sowie eine internationale Großveranstaltung oder wie schon gesagt, das Sein
und Werden der Stadt Torgau konzipiert und organisiert werden soll, stets müssen wir auf
Erfahrungen und (vor allem) auf bereits erarbeitete theoretische Grundaussagen über das
Leben in unserer Stadt zurückgreifen können. Wir müssen wissen und uns darüber einig
sein, was wesentlich und wichtig für die Stadt ist.
Die Theorie läßt uns souverän und sicher gegenüber äußeren und inneren
Anforderungen werden!
Die Theorie ist auch ein ökonomisches Prinzip, denn sie verhilft nicht nur zur
Sicherheit und Souveränität, sondern auch zu klugen Entscheidungen, z.B. bei
Investitionen.
Wie wird theoretisiert?
Die Entwicklung einer Theorie verlangt, vergangene und gegenwärtige Fakten im
städtischen Leben zu bestimmen.
Was sind vergangene und gegenwärtige Fakten der Stadt Torgau?
Sie sind die Substanz der Stadt; ja, Substanz im wörtlichen Sinne wie
Bauten und Architektur; Betriebsstätten aber auch die Infrastruktur. Unbedingt auch
Geistiges, d.h. so, wie wir denken, ist Substanz. Ethische Werte und Traditionen der
Bürger der Stadt sind Substanz, sind Fakten. Fakten ermittelt man durch eine "Inventur"
des bisherigen und jetzigen Lebens in der Stadt. Sie sind zu benennen und zu addieren.
Dann weiß man, was man in und von der Stadt hat; wie es um einen selbst und der Stadt
bestellt ist.
Torgau besitzt eine konzentrierte, größtenteils bereits aufgeschriebene Geschichte.
Geschichte ist faktisch.
Es ist nur so, daß es Fakten an sich gar nicht gibt. Die Fakten hat der Mensch
durch Abstrahieren (Weglassen) ermittelt. Er muß deshalb die Fähigkeit haben, diese
Fakten auch wieder in einen größeren, in den vollen Zusammenhang (Kontext) zu stellen.
Das Ergebnis eines solchen Prozesses ist jedem bekannt, aus der (faktischen) Geschichte
werden Geschichten. Geschichten stehen aber immer in einem Bezug zum Erzähler. Sie
enthalten subjektive Momente. Neben den "harten" Fakten existieren die
"weicheren" Geschichten und Symbole. Beide Momente gehören zum alltäglichen
Leben. Symbole sind eine Art Kurzform von Geschichten, die uns als Bilder, Gleichnisse
begegnen. Das wollen wir festhalten.
Aus Fakten werden Symbole, wenn sie in einen größeren Zusammenhang gesetzt werden. Aus
Geschichte an sich können unterhaltsame, mitunter leidvolle, oft jedoch lustige und
liebenswerte Geschichten werden.
Wir in Torgau haben schöne, optimistische Geschichten zu erzählen. Damit, mit den
Fakten, die zu Symbolen und Geschichten geworden sind, ziehen wir die Aufmerksamkeit
anderer Menschen auf uns. Diese können und sollen teilhaben an unserer Geschichte und
unseren Geschichten, indem sie hier die Geschehensorte als Gäste besuchen. Wir sollten
ihnen dabei einen zuvorkommenden Service geben. Service ist ein Produkt. Jede Firma
definiert ihr Produkt, um es zu verkaufen. Torgau als eine
"Unternehmensgesellschaft" sollte das auch tun.
2. Konkretes
Nach dieser, zugegeben sehr abstrakten Einleitung wollen wir unsere
Überlegungen konkreter, doch weiter systematisch vortragen:
Welche Ereignisse der Stadt Torgau sind es, die bereits ausführlich in
ihren historischen Fakten und Zusammenhängen untersucht worden sind, und die geeignet
sind, als einzigartige Symbole sowie Sympathie erzeugende Geschichten internationale
Aufmerksamkeit zu erzielen?
Die Elbe Begegnungen, der Elbe Day fallen uns spontan dazu ein.
Der Verfasser dieser Zeilen wüßte im Moment keine andere ausgearbeitete
Geschichte, zuzüglich der entsprechenden Symbole und Geschichten über einen
Zeitabschnitt der Stadt Torgau, die gegenwärtig ein solches unverwechselbares und
weltweit bereits bekanntes Profil besitzen, wie die Elbe-Begegnungen.
Freilich ließen sich Renaissance und Reformation als ältere Geschichte Torgaus so
weit entwickeln, daß auch aus dieser Geschichte, Symbole und Geschichten für jedermann
werden. Die ältere Geschichte der Stadt ist wie die jüngere identitätsbildend für
Torgau, also für unser aller Selbstverständnis wichtig.
Es sind auch die Kurfürsten und die bedeutenden Persönlichkeiten neben ihnen,
auch Martin Luther und dessen Gedankengut, es ist aber vor allem für Torgau Katharina von
Bora in ihrem Tun, die als historische Figur und mit der Stadt verbunden solche Fakten zu
liefern vermag, aus denen Symbole entwickelt werden könnten; gleichsam sollten aus der
Geschichte der Katharina, Geschichten für jedermann (nicht nur für Frauen) erzählt
werden.
Doch die ältere Geschichte ist wohl in der Form, für jedermann faßlich zu sein,
noch nicht verfügbar. Landesausstellung und Museumspfad könnten Einstiege eröffnen.
Grundsätzlich wird eine Synergie (ein gegenseitiger Verstärkereffekt)
zwischen der älteren und der jüngeren Geschichte Torgaus benötigt.
Also, bleiben wir, um die Erläuterungen zur Theorie der Stadt fortzuführen, bei
dem Ereignis Elbe-Begegnung. Eben als ein Beispiel, um unser Anliegen, wie
theoretische Betrachtungsweisen vollzogen werden müssen, anschaulich und faßlich
darzustellen; nämlich historische Fakten aufzuzeigen, die zu Symbolen und Geschichten
führen können. Die Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft des Ereignisses der
Elbe-Begegnung haben wir dabei aus verschiedenen Zeitfenstern betrachtend zu
berücksichtigen.
Um das in einem 2. Teil dieses Artikels zu tun, im folgenden Amtsblatt abgedruckt,
benötigen wir, wie oben in einem anderen Zusammenhang schon gesagt, eine Art
"Fahrplan" oder ein "Rezept". Kurz gesagt, wir brauchen eine Konzeption
(Vorlage), um dem Leser die theoretische Bearbeitung eines Zusammenhangs, im besonderen
der Elbe-Begegnung, Schritt für Schritt anschaulich, für jeden nachvollziehbar und
verstehbar zu gestalten. Eine solche Vorlage, besser: Schritte des Erkennens, hat
Aristoteles, ein griechischer Gelehrter, bereits vor sehr langer Zeit aufgeschrieben.
Er empfahl, um ein Ereignis zu erkennen und um es zu verstehen, d.h. es anderen dadurch
mitteilbar zu machen, müssen Ursachen gefunden werden. Theorie sei ein
Erkennen und Verstehen aus den Ursachen heraus. Wir sind jetzt bei den Begriffen
"Theorie" zuzüglich "Ursache" angelangt, über die wir im ersten
Abschnitt gesagt haben, daß sie (eben die Theorie) in Torgau zu kurz weggekommen sei.
Aristoteles kennt vier Ursachen (Ursache = causa):
Das, was wir hier von dem griechischen Denker übernommen
haben, zählt mit zu den höchsten Geistesgütern der Menschheit.
Jeder, der einen beliebigen Zusammenhang, ein Ereignis verstehen will, muß diese
vierfache Ursachenbestimmung vornehmen. Dieses mehrmals getan, -bitte probieren Sie es-
führt dazu, das Handwerk oder die Kunst zu beherrschen, etwas auf etwas
zurückzuführen.
Das ist wiederum abstrakt formuliert. Wir wollen das Gesagte folgend veranschaulichen.
Also, wenn wir tatsächlich dem freundlichen Angebot des Oberbürgermeisters aus Jerusalem
zur Zusammenarbeit mit Torgau nachkommen möchten, dann müßten wir hier in Torgau die
vier Ursachen für ein städtepartnerschaftliches Tun mit Jerusalem bestimmen. Wir wären
dann souverän und gut präpariert, einen solchen Schritt, auf Jerusalem zuzugehen.
Es wäre freilich besser, zuerst einmal den größeren Rahmen
zu bestimmen, d.h. eine von den Bürgern der Stadt mehrheitlich anerkannte Konzeption
für Torgau gemäß der Ursachenbestimmung des Aristoteles vorzunehmen. Das sollte
nicht zu schwierig sein.
Was wäre zu tun?
Zuerst müssen wir "Jäger und Sammler" sein, um die Fakten, also die
"Bausteine" und die "Substanz", die die Stadt zusammenhält, ausfindig
zu machen. Diese benennen und einfach aufreihen (causa materialis).
Nur addieren von Fakten wird nicht reichen, denn die Stadt Torgau ist ein
"Organismus", besitzt also eine hohe Komplexität, ist ein sich veränderndes
System. Erschauen müssen wir deshalb zuzüglich Formen und Strukturen, die
in der Geschichte, in der Gegenwart und womöglich solche, die erst in der Zukunft
bestimmend sein werden. Formen und Strukturen im Leben (in der Existenz) einer Stadt
werden erschaut, indem man beispielsweise das (wellenartige) Werden und Vergehen und
wieder Werden des Wohlstandes der Bürger in den jeweiligen Zeiteinheiten untersucht,
aufschreibt, skizziert, graphisch darstellt (causa formalis).
Struktur und Form eines solchen zeitlichen Auf und Ab im Leben einer Stadt werden sichtbar
und lassen das, was Torgau ist, besser verstehen. Rückschlüsse lassen sich ziehen,
Analogien erstellen, die Zukunft wird klarer.
Gemäß der causa efficiens sind Triebkräfte und Potenziale der Stadt Torgau zu
bestimmen. Dadurch ist die Stadt in der Lage, den Zweck ihres Daseins abzuklären; sich
Ziele zu setzen (causa finalis).
Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß es bei der Festlegung von
Triebkräften der Stadt und anzustrebenden Zielen zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten
unter den Bürgern kommen wird. Wir müssen eine solche Diskussion führen, um
anschließend gemeinsam zu handeln.
Der werte Leser wird eingeladen, den Teil 2 dieser hier
geäußerten Ideen aufzunehmen.
Ein Verstehen aus den vier Ursachen heraus soll, wie oben angekündigt,
ausführlich auf den Elbe Day, auf diese spezielle Begegnung in Torgau an der Elbe
angewandt werden. Analogien können zu anderen historischen Ereignissen vorgenommen
werden. Wir wollen in der nächsten Ausgabe des Amtsblattes unsere Gedanken "Zur
Theorie des Elbe Day" Schritt für Schritt vortragen.
Theoretische Betrachtungen zum Elbe Tag bringen Verstehen und Systematik sowie eine
Ökonomie und Praxis beim Umgang mit dem weltbekannten Ereignis hervor. Durch die Theorie
werden uns aber auch unsere Grenzen beim Umgang mit der "Elbe-Begegnung"
aufgezeigt.

Im Rahmen einer Veranstaltung des Fördervereins Europa Begegnungen wurden
theoretische Grundaussagen zur Elbe-Begegnung (Elbe Day) vorgenommen.
Foto: E. Bräunlich
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© by Dr. Uwe Niedersen