| Wirtschaft | Technik | Tradition |
Geschichte ist wie Mathematik - schwierig.
Das trifft auch für die lokale Geschichte zu, etwa für die jüngere Geschichte der Stadt
Torgau.
Hier waren es wichtige Begegnungen, die Torgau weltweit bekannt gemacht haben. Russen und
Amerikaner trafen 1945 am Ende des Krieges an der Elbe aufeinander.
1975 waren es wiederum die Russen und die Amerikaner, die sich in ihren gekoppelten
Raumschiffen Apollo-Sojus mit anhaltendem Handschlag (diesmal) über der Elbe
begegneten.
Das sind Fakten, nüchtern und wenig kompliziert.
Nun zeigt eine Emnid-Umfrage, die in Sachsen im Zusammenhang mit der Sächsischen
Landesausstellung 2004 in Torgau durchgeführt wurde, daß weit über 70 % der
sächsischen Bürger bei der Frage: Was fällt Ihnen zu Torgau ein?, die Stadt mit der
amerikanisch-russischen Begegnung in Verbindung bringen.
Ein Grund, warum so viele Bürger bei Torgau an die Elbe-Begegnung denken, ist, so meinen
wir, durch den hohen politischen Symbolwert der an sich eher einfachen historischen
Tatsachen der Begegnung an und über der Elbe begründet.
Im Gegensatz zu trockenen Geschichtsdaten erreichen die die historischen Fakten
begleitenden Symbole mitunter große "Streubreiten", weil sie als Bild,
Gleichnis, Vision im allgemeinen unterschiedlich interpretiert werden.
Was antworten wir den Gästen unserer Stadt, wenn sie fragen, wie wir es mit den
Elbe-Begegnungen halten. Eine Meinung sollten wir schon haben.
Wie wollen wir die amerikanisch-russischen Begegnungen interpretieren?
Nicht zu eng, meinen wir im Förderverein Europa Begegnungen e.V. und im Ost-West Verein
e.V..
Frieden und Völkerverständigung lassen sich auch durch internationale
Unternehmertreffen, auch durch die Kooperation auf dem Gebiet der Wirtschaft, etwa der
Raumfahrt zum Ausdruck bringen; freilich ohne die Pazifismusbewegungen in Abrede zu
stellen.
Die amerikanisch-russischen Begegnungen an und über der Elbe hatten zweifellos einen
wichtigen Symbolwert in der Zeit des Kalten Krieges. Die Entspannung und die
Verständigung beim Zusammenleben der in zwei Blöcke aufgeteilten Völker waren und sind
unbedingt erstrebenswerte Ziele.
Einer der amerikanischen Elbeveteranen, der Soldat Joseph Polowsky füllte sein Leben nach
dem Krieg durch einen Ein-Mann-Friedenskampf aus, der uns eine hohe Achtung abverlangt,
der mitunter allerdings auch recht kurios war.
Die durch ihn testamentarisch bestimmte Beerdigung in Torgau an der Elbe, 1983,
wurde in damaligen Medien als "Geniestreich des kleinen Mannes" bezeichnet, weil
er die Doktrin: Es kann nicht sein, was nicht sein darf, lächerlich machte.
Fassen wir zwischenzeitlich zusammen:
Friedens- und Entspannungsbestrebungen können durch die offizielle, die Diplomatie der
Regierungen, aber auch durch die der Bürgerbewegungen, einer Art Diplomatie von unten,
wie sie beispielsweise von Joseph Polowsky in einer subjektiven Variante gelebt wurde,
vollzogen werden.
Wir wenden uns nun einem weiteren Gedanken zu:
Jüngst vor dem Deutschen Bundestag sagte der russische Präsident Putin klar und
deutlich: "Der Kalte Krieg ist vorbei !".
Das will heißen, die Supermächte von einst, in der bekannten
Block-Konstellation gibt es jetzt nicht mehr. So hat beispielsweise Deutschland heute
gemeinsam mit Europa neben Amerika, Rußland eine aktive Position internationaler
Verantwortung einzunehmen.
Das alles hat auch Konsequenzen für die Begegnungsstadt Torgau. Wir haben Hausaufgaben zu
machen, um mit der eigenen Geschichte souverän umgehen zu können.
Wir sind uns eben nicht sicher, ob tatsächlich Joseph Polowskys Kredo: "Kleine Leute
machen große Politik" (citizen diplomacy) alles das, was die Elbe-Begegnungen an
Werten darzubieten vermögen, erschöpfend bedienen kann.
Einerseits gehen wir mit Polowsky, wenn es darum geht, etwa Politikverdrossenheit
abzubauen oder persönlich Mut zu haben, sich seines eigenen Verstandes in der
Öffentlichkeit zu bedienen, andererseits würden wir schon die Idee auf den Prüfstand
stellen, Polowsky möglichst lupenrein kopieren zu wollen.
Selbst die Losung der Bürgerrechtler und Pazifisten "Schwerter zu
Pflugscharen" ist uns heute in einer bisher nicht gekannten Version begegnet.
Es scheint angebracht, diesbezüglich eine Geschichte zu erzählen. Weil Torgau über
Apollo-Sojus auch etwas mit der Raumfahrt zu tun hat, ist es eine Geschichte aus jenem
Metier, genauer eine der Raumfahrtindustrie.
Die damalige deutsche DASA, heute als Astrium GmbH, Bremen aufgestellt, ging 1995 mit dem
russischen Raumfahrtunternehmen Khrunichev Space Center, Moskau ein Joint-Venture ein.
Die daraus resultierende Firma ist die heute recht muntere Eurockot GmbH.
Diese deutsch (51%) - russische (49%) Eurockot GmbH geht einer interessanten
Geschäftstätigkeit nach. Es ist Eurockot erfolgreich gelungen, die Umwandlung der
einst gegen Westeuropa gerichteten militärischen Interkontinentalraketen vom Typ SS-19 zu
bewerkstelligen. Mancher wird sich noch an die SS-19 und SS-20 Debatten früherer Zeiten
erinnern; Stichwort: Raketendoppelbeschluß der NATO.
Die in russischen Magazinen reichlich verbliebenen SS-19 werden durch Eurockot
(Rußland und Deutschland) als Trägerraketen für die zivile Nutzung im Weltraum
eingesetzt. Die einstigen Militärraketen schießen (tragen) jetzt Satelliten in den
Kosmos, um Klima- und Wetterveränderungen vorherzusagen und um das Telefonieren von jedem
Punkt der Erde aus zu gewährleisten.
"Schwerter zu Pflugscharen" ist auf eine so noch nicht bekannte Weise
wiedererlebbar.
Das ist doch eine schöne Geschichte! Was hätte wohl Joseph Polowsky dazu gesagt; dabei
ist diese Geschichte nicht einmal ein Traum.
Wie kann es uns mit Joseph Polowsky und seinen Ideen, aber auch über ihn hinaus in
punkto Elbe-Begegnungen gelingen, das Ganze zu denken?
Darüber haben wir uns zuerst einmal in Torgau selbst zu verständigen.
![]() |
|
| Die einstige SS-19
umgewandelt in die Rockot, (russ.: Pokot), eine Rakete für die zivile Nutzung im Kosmos Copyright Eurockot GmbH |
Schwerter zu Pflugscharen,
Sinnbild in bewegten Zeiten; Foto: Archiv, Dr. Niedersen |
Bücher zu diesem Thema käuflich zu erwerben hier ......
© by Dr. Uwe Niedersen