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Torgau und Raumfahrt
Das besondere Kolloquium – ein Bericht
Das Raumfahrtkolloquium wurde in Torgau, am 31. Oktober (Reformationstag), mit folgenden Vorträgen durchgeführt:

Forschung unter Weltraumbedingungen
Dr.-phil. Helmut Bauer, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Raumfahrt-management referierte über "Forschung unter Weltraumbedingungen im Wandel der Zeit"
Die bemannte Raumfahrt begann in der Sowjetunion und in den Vereinigten Staaten von Amerika als Wettkampf um die Vorherrschaft im erdnahen Weltraum. Was wurde in dieser Zeit in Deutschland , d.h. DDR und BRD, an bemannten Weltraumaktivitäten durchgeführt? Es begann, dass beide deutsche Staaten mit dem politisch vorgegebenen Partner in Kooperation traten, mit der Sowjetunion einerseits und den USA andererseits.
Die ersten Flüge eines Experimentes ergaben sich aus der BRD bei den amerikanischen Mondmissionen 1972. Ein "Biostack", ein strahlenbiologisches Experiment, wurde zweimal im Jahr 1972 in der Kommandokapsel zum Mond mitgenommen und kam mit den Astronauten wieder zurück zur Erde.
Während seitens BRD die Raumfahrtaktivitäten über die Spacelabentwicklung fortgesetzt wurden, hat man in der DDR intensiv am Erstflug eines deutschen Kosmonauten gearbeitet. Sigmund Jähn flog am 26. August 1978 zur Raumstation Saljut 6. Erwähnenswert sind auch die vielen Aktivitäten beim Interkosmos-Programm, z. B. die Entwicklung und der langjährige Betrieb der Multispektralkamera MKF-6M.
Nach der Wende führten die Erfahrungen beider deutscher Staaten in der bemannten Raumfahrt zu einem herausragenden Anteil von Beiträgen zur Internationalen Raumstation (ISS). Von den derzeit von ESA ausgewählten und priorisierten Experimentvorschlägen, sind deutsche Wissenschaftler in 38% aller künftigen ESA-Experimente für die ISS federführend. Der Bereich "Life and Physical Sciences" (Forschung unter Weltraumbedingungen) ist gegenwärtig mit Abstand die Hauptnutzerdisziplin in der Internationalen Raumstation.

Kapillartransport
Dr. habil. nat. Lothar Kuhnert, Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Chemie, sprach zum Thema "Kapillartransport – einige Grundlagen und Runge-Bilder sowie Überlegungen zu diesbezüglichen Weltraumexperimenten" und erläuterte:
Als Kapillartransport (von lat. capillus, Kopfhaar) bezeichnet man die Erscheinung, dass eine Flüssigkeit von feinporigem Material wie Filterpapier aufgesaugt wird. Kapillartransport spielt in vielen natürlichen und technischen Systemen eine große Rolle z. B. beim Wasserhaushalt im Boden für das Pflanzenwachstum.
Er ist aber auch verantwortlich für das Vernässen von Mauerwerk und damit verbundene Bauschäden.
Betrachten wir den formelmäßigen Zusammenhang zwischen der Steighöhe der Flüssigkeit in einer engen Kapillare gegenüber der freien Flüssigkeitsoberfläche, so ergibt sich die Steighöhe aus der Balance zwischen den Oberflächenkräften und der Erdanziehung (Gravitation). Da die Erdanziehung auf einer Weltraumstation nur ca. ein Zehntausendstel gegenüber der Erdoberfläche beträgt (Mikrogravitation), so ist klar ersichtlich, dass der Kapillartransport im Weltraum eine größere Rolle spielt als auf der Erdoberfläche. Man nutzt diese Tatsache technisch für den Treibstofftransport in Satellitentanks und entsprechende Weltraumexperimente zum Kapillartransport werden durchgeführt.
1855 veröffentlichte der Chemiker Friedlieb Ferdinand Runge ein Buch mit dem Titel:" Der Bildungstrieb der Stoffe, veranschaulicht in selbständig gewachsenen Bildern". Dieses Werk stellt eine wissenschaftliche Kuriosität dar. Es enthält 32 Schautafeln von farbigen, bizarren Bildern, die durch chemische Reaktionen auf Filterpapier unter Einwirkung des Kapillartranports entstanden sind. Das Buch wurde nie gedruckt, sondern alle noch erhaltenen Exemplare stellen Originale dar. Es gelang dem Autor unter Verwendung von Papier aus einer erzgebirgischen Papierfabrik diese Bilder weitgehend originalgetreu nachzuschaffen und den physikalisch-chemischen Mechanismus der Bildentstehung aufzuklären.
Danach handelt es sich um eine sogenannte Instabilität des Kapillartransports, die durch die chemischen Substanzen, die zur Bilderzeugung angewendet werden, hervorgerufen wird. Es wird vorgeschlagen, diesen Vorgang Runge-Instabilität zu nennen.
Da, wie oben ausgeführt, der Kapillartransport durch die Mikrogravitation beeinflusst wird, wurde der Vorschlag diskutiert, zur Runge-Instabilität entsprechende Weltraumexperimente durchzuführen.

Raumfahrtstandort Deutschland
Dipl.-Geophys. Jörg Behrens, Bremen, EADS (European Aeronautic Defence and Space Company) Space Transportation, informierte über den "Raumfahrtstandort Deutschland - Status und Perspektiven" und legte dar:
Der deutsche Raumfahrtstandort ist heute gekennzeichnet von einem Konsolidierungsprozess, der sich schon seit Jahren innerhalb Deutschlands vollzieht, jetzt aber auch europäische Dimensionen erreicht hat. Grundlegende Motivation dabei ist der zunehmend starke Wettbewerb auf globaler Ebene, insbesondere mit den USA.
Vor diesem Hintergrund wird die Branchensituation und speziell die EADS/Astrium Geschäftsfelder erläutert, die durch den Absturz der Ariane 5 ESC-A im Dezember 202 und durch das Unglück des amerikanischen Space-Shuttles Columbia gekennzeichnet sind.
Hierbei steht die Betrachtung der Marktsituation in den verschiedenen Raumfahrtbereichen der EADS im Vordergrund, speziell im Trägersektor für die beiden Raketensysteme Ariane 5 und Eurockot, die in einem starken Wettbewerb stehen zu vergleichbaren anderen großen Trägersystemen in den USA, Russland, China, Indien sowie Japan. Neben der satellitengestützten Telekommunikation sind weitere interessante Bereiche die Orbitale Infrastrukturen, die Navigation sowie die Erdbeobachtung und Forschung/ Extraterrestrik, deren Märkte hauptsächlich durch staatliche Nachfragen gesteuert werden.
Zukünftige Perspektiven und der internationale Wettbewerb im Zeichen der globalen Absatzkrise auf den kommerziellen Raumfahrtmärkten werden erläutert.

Das Trägersystem Ariane
Dr.-Ing. Olaf Przybilski, Dresden, TU Dresden, Institut für Luft- und Raumfahrttechnik, gab unter der Überschrift "Das Trägersystem Ariane - eine europäische Erfolgsstory" Auskunft über den historischen Werdegang einer technischen Erfindung:
1946 gingen deutsche Raketentechniker Verträge mit französischen Stellen ein und arbeiteten in Vernon an neuen Raketen. Erstes Ziel war die Höhenforschungsrakete Véronique mit 4 t Schub. Chefkonstrukteur der deutschen Seite wurde der in der Nähe von Leipzig geborene Karl-Heinz Bringer.
Mit den Testflügen der verschiedenen Varianten der Véronique, die anfänglich katastrophale Absturzserien zu verzeichnen hatte (von den 85 ausgeführten Flüge zwischen 1952 und 1975 gingen 28 schief) änderte Bringer das Triebwerk mehrere Male. Der entstandene Einspritzkopf – ein Ring - stellte eine konstruktive Einmaligkeit in der Raketenwelt dar.
Diese konstruktive Lösung beibehaltend, steigerte Bringer die Antriebsleistung seiner "Öfen" von anfänglich 4 t (Véronique 61 = 6 t), über Vesta mit 16 t, bis zu den Brennkammern der Diamant der späten sechziger Jahre, deren Motoren mit der Bezeichnung Vexin bei der Diamant A 28 t und Valois bei der Diamant B 35 t Schub abgaben. Durch die Mitarbeit an der Europa-Trägerrakete anfang der siebziger Jahre entstand bei Bringer und seinem Team ein neues 40-t-Triebwerk mit Turbopumpe für eine angedachte Erststufe. Bringer und seine Mannschaft entwickelte daraus einen Motor, der schließlich am 8. April 1971 beim ersten Testbrennen eine Schubkraft von 55 t abgab und als Viking in den unterschiedlichsten Auslegungskonfigurationen in der Ariane bis zum letzten Flug einer Ariane 4 am 15. Februar 2003 fast unverändert seinen Dienst tat.

Apollo-Sojus - Begegnung
Dr. habil. phil. Uwe Niedersen, Torgau, Fa. Ost-West Consulting sprach über Apollo-Sojus Begegnung über der Elbe – Chancen für Torgau und führte aus:
DrUN.jpg (10673 Byte)In 2005 haben wir in Torgau das Jubiläum, 30 Jahre Kopplung der Raumschiffe Apollo-Sojus auf einer Erdumlaufbahn, die sich auch über die Elbe-Region spannte, 17. Juli 1975; zuzüglich der Durchführung erster eigenständiger deutscher Experimente unter Weltraumbedingungen während des genannten Kopplungsfluges. 1945 trafen sich russische und amerikanische Truppen bei Torgau an der Elbe.
Wie können wir die Begegnungen an und über der Elbe zusammenführen und als ein gemeinsames, so noch nicht abgerufens Potential Torgaus erschließen und dieses zur Wohlfahrt der Stadt und des Freistaates geplant einsetzen ?
Die komplexen Zusammenhänge der beiden Torgau-Begegnungen (1945; 1975) werden im Vortrag methodologisch aufgearbeitet und damit konzeptionelle Vorleistungen erbracht.
Als Ergebnis dieser Analyse werden Projekten definiert, die über Torgau und Sachsen hinaus bedeutsam sind:
Es sind die Ost-West Begegnungen, die im sächsischen Torgau Beziehungen zu den USA, Rußland, Frankreich sowie zu den Ländern, die heute die EU-Osterweiterung vollziehen, aufbauen ließen.
Das für Torgau charakteristische Profil der Ost-West Begegnungen soll auch für die im Zusammenhang mit Torgau stehenden Reflexionen über Raumfahrt kennzeichnend werden.
Vertreter der Raumfahrttechnik aus den osteuropäischen Ländern sind in die internationale Kommunikation einzubeziehen, ein Ideenaustausch ist anzuregen und eine Bestandsaufnahme dessen, was an Raumfahrt-KnowHow in den Ost-Ländern vorhanden ist, sollte erfolgen. Torgau könnte somit ein unverwechselbarer Standort werden, an dem durch eine spezifische Herangehensweise über Raumfahrt kommuniziert wird.

© by Dr. habil Uwe Niedersen

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