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Apollo-Sojus und das politische Tauwetter

Für das Apollo-Sojus Rendezvous im Orbit am 17. Juli 1975 war von dem russischen und amerikanischen Fachpersonal alles perfekt vorbereitet worden. Sogar das für Russen und Amerikaner gemeinsame Geschichtsdatum, 25.April 1945, Begegnung bei Torgau an der Elbe wurde bedacht. Wie emsig hatten wohl die Ballistiker beider Seiten gerechnet, um mit dem Koppeln einen Orbit zu wählen, der unter Beachtung aller anderen (technischen) Faktoren des Apollo-Sojus Fluges möglichst nah an den geschichtsträchtigen Raum über der Elbe bei Torgau herankommt.
Das unbedingte Vertrauen der Techniker, Astronauten und Kosmonauten sowie der Verwaltungsleute zueinander war während der Vorbereitungen des gemeinsamen Fluges aufgebaut worden und blieb unerschütterlich.
Man wollte es einfach!
Das was die Öffentlichkeit von der Apollo-Sojus Mission erwartete, kommt in folgenden mit viel Pathos geäußerten Worten zum Ausdruck:
"Ein Vorspiel auf Glasnost, eine Hoffnung auf Tauwetter in der politischen Eiszeit des Kalten Krieges! Wieder ist es ein historisches Treffen von Sowjets und Amerikanern wie im Zweiten Weltkrieg (25. April 1945) und wieder ist es die deutsche Stadt Torgau. Der Flugplan sieht vor, daß sich die Besatzungen in einer Höhe von 220 km über der Elbestadt begegnen, die Raumschiffe aneinander koppeln und man sich gegenseitig Besuch abstattet." (J. Kutzner und K. Kobler, in: Der verlorene Traum. Der Wettlauf zum Mond zwischen USA und UdSSR, Kap. 30, 1999)
Was eigentlich bewog die Amerikaner und Russen dazu, in der Raumfahrt zusammenzurücken?
Alles begann mit einem Gespräch Ende Juli 1969 während des Flugs über dem Pazifik in der Maschine des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon. Der Präsident und andere wichtige Personen waren auf dem Weg, die Besatzung von Apollo 11, die in ihrer Kapsel im Pazifik gewassert war, zu begrüßen. Neil Armstrong von Apollo 11 hatte als erster Mensch am 21.07.1969 den Mond betreten. Die Freude darüber war riesengroß und zwar weltweit.

Jedenfalls war es jene illustre Gesellschaft in der Präsidentenmaschine wie der amerikanische Außenminister William Rogers, der Sicherheitsbeauftragte Henry Kissinger, der Direktor der NASA Thomas Paine, die mit Richard Nixon eifrig diskutierte, was wohl nach einem erfolgreich absolvierten Mondprogramm in Sachen amerikanischer Raumfahrt weiter zu geschehen habe.
Über wiederverwendbare Raumfahrzeuge (Space Shuttle), über Raumstationen wurde befunden. Thomas Paine von der NASA favorisierte ein öffentlich noch nicht bedachtes Projekt. Er legte den Politikern die objektive Notwendigkeit einer internationalen Kooperation in der Weltraumfahrt dar.
Offensichtlich tat er das so überzeugend, daß er durch Präsident Nixon ausdrücklich ermutigt und direkt aufgefordert wurde, zu den entsprechenden Instanzen der Raumfahrt in der Sowjetunion Kontakte anzubahnen.
Kooperation über die Blöcke hinweg, ein Zusammengehen mit der anderen Seite war bis zu jener Zeit gar nicht die Linie in der Politik, weder in Amerika noch in der Sowjetunion. Die Kuba-Krise von 1962 steckte den Leuten in Ost und West noch in den Knochen.
Aber so langsam bewegte sich etwas. Die SALT-Vorgespräche zur Begrenzung der strategischen Rüstung begannen im November 1969 in Helsinki.
Und die NASA nahm tatsächlich Kontakt zur Sowjetischen Akademie der Wissenschaften, Weltraumforschung auf.
Der amerikanische Astronaut Robert Overmyer berichtete in einer Fernsehsendung über die Spannungen, die sich in ihm selbst bei dieser "ungeheuerlichen" Annäherung einstellten:
"Dies war eine große Umstellung. Denn in den militärischen Programmen war die UdSSR der Feind, der Gegner. Sie waren etwas, vor dem man besorgt sein mußte. Dies war der Zweck des Programms, die Angst vor der Sowjetunion. Dies dann umzukehren, war für viele von uns sehr schwierig, die militärisch ausgebildet waren. Und es schien sehr schwierig zu sein, plötzlich enger Freund von jemandem zu sein, der während der gesamten bisherigen Laufbahn der Feind gewesen war ... . Aber eine interessante Veränderung, und eine sehr angenehme dazu." (J. Kutzner und K. Kobler, a.a.O.)
Naturwissenschaftler und Techniker besitzen die Eigenschaften zäh, ausdauernd und mitunter stur zu sein. Leider kann man mit solchen Spezialisten auf Feldern des alltäglichen Lebens nicht soviel anfangen, doch immerhin waren es genau diese Charakteristika, die äußere Störenfriede, Besserwisser und Zweifler an der Weltraumkooperation, im besonderen während der Vorbereitung am Apollo-Sojus Projekt immer wieder abblitzen ließen.

Manche Medien (nicht die Mehrheit) sprachen von einem "Weltraumzirkus", "Politrummel", "Technikspektakel", "Techtelmechtel im Weltraum". Die Hauptvorwürfe gegenüber der amerikanischen Regierung und der NASA waren hierbei, daß Amerika die gesamte Zeche bezahlen und den hart erarbeiteten Vorsprung, der angesichts der erfolgreichen Mondlandetechnologie tatsächlich eingetreten war, einfach verschenken würde (give-away).

Der Amerikaner Robert Hotz, immerhin der Herausgeber der "Aviation Week and Space Technology" (Luftfahrtwoche und Weltraumtechnologie), beklagte in seiner Zeitung am 28. Juli 1975, Übersetzung U. N., " Die wirkliche Tragödie für dieses Land war der Entschluß, seine knappen Weltraumdollars in diese politische Fanfare von Apollo-Sojus zu stecken ... .
Da es nun vorüber ist, ist es offensichtlich geworden, daß der Entschluß, Apollo-Sojus zu koppeln, statt Skylab oder etwas anderes fliegen zu lassen, was ja letztlich eine positive Rückkehr zu den begonnenen Apollo-Investitionen bedeutet hätte, so töricht und nutzlos gewesen ist, wie jene anderen Momente der Nixon - Kissinger - Entspannung wie die SALT -Gespräche, der Handel und diese sogenannte große (weise) Vereinbarung, die einen Frieden nach Vietnam brachte."

Vielleicht gerade wegen der mitunter massiven Kritiken an der Unternehmung, wurden die Erwartungen, die man in das Apollo-Sojus Projekt gesetzt hatte, voll erfüllt:
"Ein neues Gerät wurde entwickelt, um das Docking und den Austausch der Mannschaften von zwei verschiedenen Raumflugkörpern zu ermöglichen.
Die Zweckdienlichkeit dieses Gerätes wurde nachgewiesen, im besonderen in bezug auf mögliche zukünftige Verwendung zur Rettung im Raum.
Die Durchführbarkeit der Zusammenarbeit von Bodenstellen zweier Nationen wurde nachgewiesen.
Die Durchführbarkeit von wissenschaftlichen Aufgaben durch Zusammenarbeit von Raumfahrzeugen und Mannschaften zweier Nationen wurde unter beweis gestellt.
Es wurde nachgewiesen, daß gemeinsame Aufgaben unweigerlich zu einem freieren Austausch an Informationen führen.
Die internationale Natur des Raumes hat völkerverbindende Wirkung."
(R. Dutzmann in: "Flugrevue" 10/1975)

Auf der Grundlage der unzweifelhaften Erfolge des Apollo-Sojus Teams wurde von den Fachleuten beider Länder das nächste Projekt, ein gemeinsamer Flug des neuen amerikanischen Space-Shuttles mit der sowjetischen Raumstation Saljut ins Auge gefaßt.
Nixon und Breschnew unterzeichneten bereits das neue Kooperationsabkommen. Zwei Jahre wurde am Shuttle-Saljut Projekt gearbeitet. Nun mußte Nixon bekanntlich wegen der Watergateaffäre zurücktreten und der neue Präsident Jimmy Cater hatte nichts eiligeres zu tun, als das angelaufene Shuttle-Saljut Projekt zu stoppen.
Die internationale Zusammenarbeit im Weltraum blieb jedoch grundsätzlich erhalten.

Doch erst am 10. Dezember 1998 gab es einen mit der Apollo-Sojus Kopplung von 1975 vergleichbaren Vorgang. Das russische Modul Sarja dockte mit dem amerikanischen Unity-Modul. Wieder waren durch Raumfahrer beider Seiten Luken geöffnet und Handshakes vollzogen worden. Die gekoppelten Module Sarja und Unity bilden heute den Grundstein der Internationalen Raumstation (ISS) im Weltall, an der auch Deutschland, Frankreich und andere Länder der Europäischen Union beteiligt sind.

Noch stehen Astronauten und Kosmonauten vor dem Modell der gekoppelten Apollo-Sojus Raumschiffe; am 17. Juli 1975 war dann schon alles Realität
Copyright NASA; ASTP Image Gallery
Die gemeinsamen Pressekonferenzen vor und nach der Mission waren normaler Ritus geworden; hier im Kennedy Space Center, im Kontrollzentrum (Cap Com).
Copyright NASA; ASTP Image Gallery

 © by Dr. habil Uwe Niedersen

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