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Deutsche Experimente während der Apollo-Sojus Mission
Amerikaner und Russen trafen sich 1975 im Weltall - Blieben die Deutschen unbeteiligt?

Torgau hat zwei bekannte Elbe-Begegnungen aufzuweisen:
Die Begegnung der amerikanischen und russischen Truppen an der Elbe, 25. April 1945 und die andere am 17. Juli 1975. Wiederum waren es Russen und Amerikaner, die sich in ihren gekoppelten Raumschiffen Apollo-Sojus mit anhaltendem Handschlag über der Elbe begegneten.
Oft sind wir gefragt worden, mitunter vorwurfsvoll: Russen und Amerikaner, ja aber, was ist mit uns Deutschen, welche Rolle spielt hierbei Deutschland?
Aus heutiger Sicht, so meinen wir, hat die Frage durchaus einen Sinn.
Weil der Kalte Krieg zwischen Ost und West vorbei ist, hat Deutschland tatsächlich gemeinsam mit Europa neben Amerika und Rußland aktiv internationale Verantwortung für Demokratie und Frieden weltweit zu übernehmen. Mit der deutschen Geschichte, die während des Kalten Krieges viel zu oft "gefärbt" zur Veröffentlichung kam, kann und muß heute souverän umgegangen werden.

Damit wir uns hier richtig verstehen:
Geschichte ist faktisch. Sie ist so zu erforschen, wie sie war, ohne irgendwelche Zutat. Der Historiker trägt dennoch eine Mitverantwortung beim Umgang mit den historischen Fakten.
Das hat auch bei einer Bewertung der beiden Elbe-Begegnungen Konsequenzen für die Stadt Torgau.

Wie ist das nun mit den Deutschen und ihrer Beteiligung am Apollo-Sojus Flug?
Deutschland war in den Zwanziger Jahren die stärkste Wissenschaftsnation: wir besaßen die am besten strukturierte Grundlagenforschung; die meisten Nobel-Preisträger waren Deutsche.
Während der Nazi-Diktatur wurden auch Deutschlands weltweit anerkannte Wissenschafts- und Techniklandschaften demoliert und in die Katastrophe geführt.
Die Sowjetunion und Amerika nahmen sich bei Kriegsende die verwertbarsten deutschen Patente; wichtige Wissenschaftler, ob Wernher von Braun oder Manfred von Ardenne sowie viele andere, wurden jeweils ausgeflogen oder zumindest "ruhig gestellt" (interniert).
Trotz der tiefen Krise in den Nachkriegsjahren blieben die wesentlichen Traditionen der deutschen Wissenschaft und Technik sowie die der exportorientierten Industrie soweit erhalten, daß Neues daraus erwachsen konnte. Dieses Neue hatte einen so kompetenten Inhalt, daß Deutschland ziemlich zeitig mit eigenständigen naturwissenschaftlichen Experimenten an der Raumfahrt der auf diesem Gebiet führenden Amerikaner und Russen teilnehmen konnte.
Das galt auch oder im besonderen für die Biophysik, einem interdisziplinären Wissenschaftszweig.
Die Biophysik blieb in dem Deutschland der Nachkriegszeit trotz erheblicher Ausdünnung so stark verwurzelt, daß es nicht überraschte, daß die Max-Planck-Gesellschaft (Nachfolger der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft) mit zwei eigenständigen Weltraum-Experimenten unser Land während des Apollo-Sojus Fluges der Russen und Amerikaner, 1975, präsentierte.
Es lag primär kein politischer Grund vor, Deutschland mit in das russisch-amerikanische "Weltraumboot" zu nehmen. Die fachliche Kompetenz deutscher Forschungsinstitute und die Solidität derer Resultate waren hierbei ausschlaggebend.
Deutschland blieb also während des ersten gemeinsamen russisch-amerikanischen Weltraumfluges nicht unbeteiligt, um eine Antwort auf die von uns selbst gestellte Frage in der Unterüberschrift dieses Beitrages zu geben.

Sicher war dieser experimentelle Anteil aus der Sicht des gesamten Apollo-Sojus Projektes nur ein sehr kleiner Beitrag, doch wurde damit ein Kontinuum deutscher Weltraumexperimente gestartet, das dann noch personell mit Sigmund Jähn und etwas später mit Ulf Merbold und anderen ihre Verstärkung erfuhr; ganz zu schweigen von der europäisch-deutschen Beteiligung (ESA) an der sich gegenwärtig im All befindenden Internationalen Raumstation (ISS).
Mancher Leser wird an dieser Stelle eine Übersicht der Leistungen von Wernher von Braun vermissen. In einem späteren Beitrag wollen wir uns einmal eingehend dieser Thematik stellen.
Mitglieder des Förderverein Europa Begegnungen e.V. nahmen an den 7. Internationalen Raumfahrttagen in Morgenröthe-Rautenkranz (Vogtland) teil. Dabei hatten wir Gelegenheit mit Sigmund Jähn, dem "Fliegenden Sachsen" und ersten Deutschen im All, über die Apollo-Sojus Kopplung in einer Erdumlaufbahn auch über Torgau zu sprechen. Dazu wollen wir in einem Beitrag schon im folgenden Amtsblatt des Landkreises Torgau-Oschatz unsere neuen Forschungsergebnisse, die für Torgau wichtig sind, vorstellen.
Aber, um auf unser Thema "Deutsche Experimente während der Apollo-Sojus Mission" zurückzukommen, sei angemerkt, daß auf den o.g. Raumfahrttagen, Helmut Bauer, Vertreter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt e.V., in seinem Vortrag generell über deutsche bzw. europäische Experimente unter Weltraumbedingungen wichtige Informationen gegeben hatte. In der Diskussion zu seinem Vortrag bestätigte er uns, daß Deutschland mit seinen Experimenten während der Apollo-Sojus Mission erstmals eigenständig wissenschaftliche Höchstleistungen auf dem Gebiet der Raumfahrt-Biophysik präsentieren konnte.
Worum ging es eigentlich bei den deutschen Experimenten während der Apollo-Sojus Mission, die ja auch für Torgau bedeutsam sind?

Das Institut für biophysikalische Raumforschung an der Universität in Frankfurt am Main entwickelte für den Apollo-Sojus Flug das Biostack-Experiment. Untersucht wurde dabei der Einfluß kosmischer Strahlung auf biologische Objekte.
Der Autor dieses Beitrages war selbst überrascht nach zur Kenntnisnahme dieser beiden deutschen Raumfahrt-Experimente auf ein Gebiet zurückzukehren, das er selbst als Wissenschaftshistoriker vor ca. 15 Jahren mit einer völlig anderen wissenschaftlichen Motivation betreten hatte.
Deshalb (aus alter Liebe zu diesem Gegenstand) einige Daten aus der Wissenschaftsgeschichte der Biophysik in ihrer Beziehung zur Weltraumforschung:
Die Geschichte der biophysikalischen Raumforschung beginnt 1901 und zwar mit der Gründung eines elektrotechnischen Labors durch Friedrich Dessauer (1881- 1963), der dann 1921 ein Institut für physikalische Grundlagen der Medizin an der Universität in Frankfurt am Main leitete. Forschungsgegenstand war die Wirkung von Röntgenstrahlung. Eine wichtige Persönlichkeit auf diesem interdisziplinären Arbeitsfeld und in den genannten Institutionen hochgeachteter Mitarbeiter war der unabhängige Forscher Raphael Eduard Liesegang (1869-1947). Für Leitungsaufgaben war Liesegang allerdings völlig ungeeignet. Karl Bosch bot ihm 1937 das Direktorat eines neu zu gründenden Kaiser-Wilhelm-Institutes für Biophysik an. Raphael Eduard Liesegang lehnte ab und blieb lieber dicht am Forschungsgegenstand, d.h. bei seinen Experimenten, die höchste internationale Beachtung gefunden hatten.
Alle, die heute auf Gebieten der biophysikalisch-chemischen Forschung arbeiten und qualitativen Methoden wie die Betrachtung, die Beobachtung, den Vergleich nachgehen, stehen irgendwie auf den Schultern Raphael Eduard Liesegangs.


Raphael Eduard Liesegang (1869-1947)
Foto: Archiv Dr. Niedersen

Boris Rajewsky, ein Exil-Ukrainer und Schüler Dessauers, der stets einen engen Kontakt zu Liesegang pflegte, war ein rundum begnadeter Forscher. Er übernahm 1934 das Institut von Dessauer, natürlich mit dessen Einverständnis. Die Nazis hatten Friedrich Dessauer in Haft genommen und danach vertrieben.
Ab 1937 führte schließlich Boris Rajewsky das neue Kaiser-Wilhelm-Institut für Biophysik, dessen Leitung R. E. Liesegang, wie gesagt, abgelehnt hatte. Das vormalige Friedrich Dessauer-Institut war in das neue Institut mit integriert worden.
Unter Rajewsky, der neben einer exzellenten Forschung eine außergewöhnliche Wissenschaftsorganisation betrieb, entwickelte sich das Institut zu einer internationalen Stätte der Hochleistungsforschung.
Boris Rajewsky erahnte nach dem Sputnik-Flug von 1957 die neue Ära von Forschungen im Zusammenhang mit der nunmehr bevorstehenden bemannten Weltraumfahrt. Sofort erkannte er die Wichtigkeit der Erforschung von strahlenbiologischen Problemen, die durch kosmische Hochernergie-Teilchen hervorgerufen werden können. Jeder Raumfahrer, so war sein Gedanke, würde der kosmischen Strahlung hinter den nur wenige Zentimeter starken Hüllen des Raumschiffes ausgesetzt sein! Kosmische Strahlen, das sind hochenergetische Atomkerne (HZE-Particles). Problematisch für die Raumfahrer sei außerdem die hohe Intensität der UV-Strahlung im freien Weltraum. Rajewsky ging in seinem Institut in logischer Folgerung auch Fragen der Exobiologie nach, d.h.: Wie ist Leben unter kosmischen Bedingungen, also im Außerirdischen möglich?
Boris Rajewsky reagierte die neuen Wissenschaftsrichtungen erahnend auch institutionell und errichtete umgehend mit Drittmitteln eine "Arbeitsgruppe Biophysikalische Raumforschung", deren Leiter sein Schüler Horst Bücker wurde.
Als das Biostack-Experiment für Apollo-Flüge bzw. für die Apollo-Sojus Mission durch Horst Bücker vorbereitet wurde, erinnerte Boris Rajewsky an zwei Vorgänger-Versuche:
Mitte der 30er Jahre hatten bereits Wissenschaftler des Wiener Radium-Institutes und Erwin Schopper (später auch Frankfurt am Main) Bahn-Spuren von Teilchen der kosmischen Strahlung in speziellen photographischen Schichten mikroskopisch sichtbar machen können. Der Basler Biologe Engster hatte an Weizenkörnern, die er Alpengipfel besteigend der kosmischen Strahlung aussetzte, biologische Wirkungen durch eben diese Hochenergie-Teilchen über Schwärzungen auf speziellen Fotoschichten nachgewiesen.


Boris Rajewsky (1893 - 1974)
Foto: Copyright Erwin Schopper

So ähnlich war die Idee der Versuchsanordnung auch bei den Biostack-Experimenten während des Apollo-Sojus Fluges, 1975:
Die Biostack-Experimente untersuchten die Wirkung hochenergetischer Atomkerne (kosmische Strahlung) beim Auftreffen auf biologische Proben. Mit Hilfe von Detektorfolien konnte man nach dem Raumflug unter dem Mikroskop genau erkennen, welche Proben von Pflanzensamen oder Tiereiern, von einem kosmischen Teilchen getroffen wurden. Die Detektorfolie macht den Treffer (auch die Flugbahn des auftreffenden Teilchens) sichtbar.
Die Pflanzensamen brachte man nach der Mission im Labor zum Keimen und die Tiereier zur Entwicklung (Morula; Blastula). Hierbei wurde die strahlenschädigende Wirkung durch Hochenergie-Teilchen, etwa durch das Auftreten von Mutanten registrierbar.

               
Zwei Aluminiumbehälter (Biostack), hier mit Maissamen (der andere enthielt Garneleneier), waren während des
Apollo-Sojus Flugs im amerikanischen Raumschiff untergebracht.
Hersteller MBB, Ottobrunn.
Foto: Copyright Deutsches Museum München

Das andere deutsche Experiment für die Apollo-Sojus Mission war durch die deutsche Regierung veranlaßt und im Max-Planck-Institut für Biochemie in München, Leitung: Kurt Hannig, entwickelt worden.
Der Comander des Apollo-Raumschiffes Thomas Stafford war es selbst, der während des Apollo-Sojus Fluges das Elektrophorese-Experiment durchführte. Bei der Elektrophorese werden elektrisch geladene Bio-Objekte durch ein Spannungsfeld getrennt. Für das Experiment unter Weltraumbedingungen (Apollo-Sojus) wurden folgende biologische Objekte verwendet:
Rote Blutkörperchen (Erythrozyten) vom Mensch und Kaninchen; Zellen von der Milz und dem Knochenmark von Ratten; Gemisch von Lymphknotenzellen von Ratten und menschlichen Erythrozyten.
Zweck des Experiments war, Proben für die medizinische und biologische Forschung zu analysieren, zu reinigen und zu isolieren. Über diese Trennmethode werden heute bereits Impfstoffe und Serum im Weltraum für die Nutzung auf der Erde hergestellt.
Durch den Wegfall von irdischen Störfaktoren ergibt sich im Kosmos eine über zehnmal höhere Trennleistung (Weltall als Produktionsstätte).


Elektrophorese-Gerät; hergestellt durch
Messerschmitt-Bölkow-Blohm, München.
Foto: Copyright Deutsches Museum München

Wie oben schon gesagt, waren die deutschen Experimente nur ein sehr kleiner Beitrag im Gesamtprojekt der Apollo-Sojus Kopplung.
Während des Apollo-Sojus Fluges gab es natürlich vorrangig russische und amerikanische Versuchsanordnungen: sieben Experimente aus dem Bereich der Biowissenschaften; elf Versuche der Gebiete Materialbearbeitung und Materialprozesse (Schmelzprozesse und Kristallwachstum); schließlich wurden noch je fünf Experimente zur Astronomie und zur Erdfernerkundung durchgeführt. Alle mit gutem Erfolg!

Durch intensive Studien und Zusammentragen von Informationen über bisherige deutsche und europäische Experimente unter Weltraumbedingungen, sollte es dem Verein Europa Begegnungen e.V. und dem Ost-West Verein e.V. in Kooperation mit anderen Institutionen gelingen, in Torgau, 2005, eine internationale Konferenz über "Experimente unter Weltraumbedingungen und deren Einfluß auf die kulturelle Lebensweise" abzuhalten.


Gabriele Opitz vom Förderverein Europa Begegnungen e.V.
im Gespräch mit Sigmund Jähn, Morgenröthe-Rautenkranz im Mai 2003
Foto: Förderverein Europa Begegnungen e.V.

© by Dr. habil Uwe Niedersen

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