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Der werte Leser wird beim Sichten einer solchen Überschrift wohl etwas verwundert sein. Wie soll so etwas zueinander passen?
Beginnen wir also einige Tatsachen darzulegen, um uns an das
Problem heranzuarbeiten.
Einer der heute bekanntesten aktiven russischen Raumfahrer, Victor M. Afanasiev, weilte
kürzlich für einige Tage im Schloß Triestewitz, besuchte Torgau und nahm an dem
Flugplatzfest in Lönnewitz (ca. 15 km von Torgau entfernt) teil. Hierbei lernten wir ihn
als einen interessanten, sympathischen Zeitgenossen kennen.
Von 1970 bis 1976 war er als Pilot und Armeeangehöriger in Lönnewitz und Merseburg
dienstverpflichtet.
Heute ist Victor M. Afanasiev ein anerkannter Raumfahrer.
Mehrmals war er in den neunziger Jahren als Kommander mit der Sojus zur Raumstation MIR
geflogen. Er führte auch die letzte Crew, eine internationale Mannschaft zur russischen
MIR. Im März 2001 wurde die ausgediente MIR aufgegeben und durch die neue Internationale
Raumstation (ISS) ersetzt. Wieder war es Victor M. Afanasiev, der mit der Sojus an die ISS
koppelte und wissenschaftliche Experimente durchführte. Seine Bordingenieurin hierbei war
Claudie Haignere (Frankreich) mit deren Mann er den letzten Flug zur MIR unternommen
hatte. Claudie Haignere wurde in der neuen französischen Regierung als Ministerin für
Forschung vereidigt. Merken wir noch an, Langzeitaufenthalte in der ISS dienen auch der
Vorbereitung (Training) für den bemannten Flug zum Mars. Wenn Victor M. Afanasiev nach
Zukunftsprojekten befragt wird, antwortet er, der Mars wäre ihm nicht zu weit. Das über
Afanasiev.
Wir fragen: Wo liegt nun unser Problem? Was hat Torgau mit der Luft- und Raumfahrt zu tun?
Eine kleine Stadt wie Torgau hat sicher auf den ersten Blick mit der Raumfahrt so viel
oder so wenig zu tun, wie der Nordpol mit der Wüste Sahara.
Unser Beispiel hinkt natürlich: Zum einen will ja Torgau nicht nur in sich gekehrt sein. Torgau sucht nach Wegen, dem internationalen Moment die Stadttore zu öffnen.
Zum anderen hat der Nordpol über den Begriff
"Klima" wohl etwas mit der Sahara zu tun, so wie die Stadt Torgau über den
Begriff "Vermarktung " einen Zugang zur Luft- und Raumfahrt findet.
Wie gesagt, eigentlich sind das zwei sich ausschließende Felder, Torgau und Raumfahrt;
aber eben nur eigentlich.
Was haben wir zu diskutieren?
Mit den Worten der Raumfahrt gesprochen: Wir müssen "Zwischenglieder", also
Module finden, die es erlauben, ohne uns besonders zu verbiegen, von dem einen
Begriffsfeld "Torgau" in das andere "Raumfahrt" zu gelangen.
Probleme von analogem Typus sind uns auf dem Gebiet der Wirtschaft oft begegnet. Zwei
Beispiele: Große Genugtuung und Zuversicht verbreitete sich in unserer Stadt und in der
Region, als Leipzig den Zuschlag für das BMW-Werk erhielt. Das Problem dabei ist heute,
inwieweit der BMW-Komplex auf der einen Seite mit der hiesigen (heimischen)
Unternehmensstruktur auf der anderen Seite zueinander kompatibel sind. Auch hierbei
müssen die Zwischenglieder bestimmt werden, die den gegenseitigen Zugang ermöglichen.
Noch ein Beispiel: Seit sechs Jahren führt der Ost-West Verein e.V. internationale Unternehmerbörsen Ost-West für kleine und mittelständische Unternehmen durch. Die nächste Börse findet übrigens am 12. und 13. September 2002 in Torgau statt. Jedes Jahr Börse produziert in der Vorbereitungsphase das Problem inwieweit kleine und mittelständische Unternehmen unserer Region "passend" für den Dialog und für eine Kontaktanbahnung mit mittel- und osteuropäischen Unternehmen sind. Weil der Veranstalter der Börse wesentliche Zwischenglieder dieser spezifischen Geschäftstätigkeit bestimmen konnte, das heißt, die Voraussetzungen für das Erreichen der Kompatibilität entwickelte, bewegen sich die Kontaktbörsen insgesamt in einem erfolgversprechenden Fahrwasser.
Jetzt aber zurück zu den in erster Näherung so gar nicht
passenden Feldern "Raumfahrt" und "Torgau".
Bestimmen wir also Zwischenglieder zu "Raumfahrt" und "Torgau".
Gleich vier Punkte fallen uns dazu ein:
1. Am 17. Juli 1975 koppelten die Raumschiffe Apollo und Sojus über Torgau/Elbe,
in Fortsetzung der Begegnungstradition Torgaus.
Der Förderverein Europa Begegnungen e.V. beginnt ab 2003 mit dem Projekt
"Kultur und Raumfahrt im Zusammenhang mit der Apollo-Sojus Kopplung über
Torgau".
Geplant sind Konferenzen, Ausstellungen, Besuche von Raumfahrern, Raumfahrt- und
Kulturmanagern, von Politikern und Wissenschaftlern in Torgau aus den USA (NASA), Europa
(ESA) und Rußland (Rossiiskoje Awiazionno-Koswitscheskoje Agenstwo, RAKA).
Anmerkung: Von diesen Aktivitäten ausgehend, finden sich auch Zugänge zu einer
geplanten Berufsakademie bzw. Fachhochschule für Torgau.
2. Der Elbe-Dnjepr-Verlag, Dr. Rudolf Meier in Klitzschen, hat und das ist wenig
bekannt, die wichtigste russische Raumfahrtliteratur ins Deutsche übersetzt und
herausgegeben.
Verleger Dr. Meier könnte in Projekte zu Torgau und Raumfahrt beratend einbezogen
werden.
3. Der Flugplatz Lönnewitz könnte über Verhandlungen zwischen Brandenburg und
Sachsen der Verbesserung der Infrastruktur unserer Region dienlich werden.
4. Der riesige russische Industriekomplex
"Raumfahrttechnik" wird so nicht strukturiert bleiben. Ähnlich wie es in
anderen Industriestaaten üblich ist, werden auch in Rußland aus Kombinaten zusätzlich
viele mittelständische Unternehmen erwachsen.
Wir sehen es über ein Ost-West Consulting als eine besonders große Herausforderung an,
deutsche (und auch europäische) luft- und raumfahrtorientierte Unternehmen mit solchen
branchengleichen aus Rußland durch spezifische Börsen für das Luft- und
Raumfahrtunternehmertum nach Torgau einzuladen und hier die Kontaktanbahnungen zu
ermöglichen und Kooperationen zu begleiten. Ein geradezu unerschöpfliches Potential an
Know-how könnte durch eine freie internationale Unternehmerschaft auf diesem Gebiet
praktikabel gemacht werden.
Der Leser wird leicht erkennen, daß sich über die Inhalte schon dieser vier
genannten Punkte, es ließen sich weitere anführen sowie Verknüpfungen zu existierenden
Projekten vornehmen, günstige Perspektiven für die Wohlfahrt der Region und der Stadt
Torgau auftun.
Sorgen wir gemeinsam dafür, daß für all jene Projekte, die über die Stadt
Torgau hinausreichen, die Rahmenbedingungen stets förderlich gestaltet bleiben.
![]() Claudie Haignere und Victor M. Afanasiev vor dem Flug zur ISS Foto: AP |
![]() Die Internationale Raumstation (ISS) Foto: NASA |
![]() Afanasiev und ein Pilot der Bundeswehr; im Hintergrund eine deutsche TransAll-Maschine (Flugplatz Lönnewitz) Foto: Dr. Niedersen |
![]() Afanasiev auf dem Flugplatzfest in Lönnewitz Foto: Dr. Niedersen |
© by Dr. habil Uwe Niedersen