Wirtschaft Technik Tradition

Wernher von Braun und der Beginn des Zeitalters der Raumfahrt

Im Oktober jährt sich der erfolgreiche Start der ersten ballistischen Fernrakete, angetrieben durch Flüssigkeitsbrennstoff, dem Aggregat 4 (A-4) vom früheren Versuchsgelände in Peenemünde auf Usedom an der Ostsee:
Der 3. Oktober 1942 ist das Eintrittsdatum der Menschheit in das Zeitalter der Raumfahrt.


Wernher von Braun
(1912 – 1977)
Foto: Copyright NASA
Deutsche Forscher, eine Gruppe von Technikern um Wernher von Braun (s. Foto) setzten einen Meilenstein, der für das Fortbestehen der Menschheit unabdinglich sein wird.
Sternstunden der Menschheit, wichtige Entdeckungen und Erfolge in der Wissenschaft und Technik können mitunter ein schreckliches Beiwerk mit sich führen.
So geschehen auch mit der ersten Rakete, die das Fliegen lernte und das Raumfahrtzeitalter eröffnete.
Die A-4 ist unter dem Namen V-2, "Vergeltungswaffe", wie sie die Goebbels-Propaganda bezeichnete, auch als ein Geschoß mit todbringender Last in die Geschichte eingegangen.
Was ist das Dilemma bei der Entdeckung, der Januskopf des Erfolges ? Auf der einen Seite sehen wir die Techniker und Erfinder wirken, besessen von dem Willen, sich zu beweisen, den eigenen Wissensdurst zu stillen und der Menschheit mit einer außergewöhnlichen Leistung zu dienen.

Auf der anderen Seite geschehen Entdeckungen immer in einem Kontext gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Im III. Reich wurde angeordnet und befohlen, wo und gegen wen eine Erfindung einzusetzen war. Nicht jeder der zum Werkzeug degradierten Erfinder hatte die Gabe, Märtyrer zu sein.
Die Alliierten jedenfalls, Amerikaner und Russen erwarteten solcherlei von den deutschen Raketen- und Raumfahrtspezialisten nicht. Im Gegenteil, die aktiven Peenemünder um Wernher von Braun wurden am Kriegsende sorgsam "eingesammelt" und mit der Familie in Richtung Westen bzw. Osten verbracht. Wernher von Braun und viele andere gingen nach Amerika. Helmut Göttrup, einer der wichtigsten Techniker der Peenemünder Gruppe, wurde in die Sowjetunion "versetzt". Nicht etwa zur Aufarbeitung des während der Diktatur Geschehenen oder zum Umerziehen, das Gebot der Stunde hieß im gerade einsetzenden Kalten Krieg: Weitermachen und noch intensiver die Raketentechnik erforschen. Erwünscht war, erfolgreicher als die andere Supermacht zu sein; Abschreckenderes zu besitzen.
Darüber kann nachgelesen werden in: Michael J. Neufeld, Die Raketen und das Reich. Wernher von Braun, Peenemünde und der Beginn des Raketenzeitalters, Berlin 1997; Dieter K. Huzel, Von Peenemünde nach Canaveral, Berlin 1994;Irmgard Gröttrup, Die Besessenen und die Mächtigen. Im Schatten der Roten Rakete, Stuttgart 1958.

Wernher von Braun war einer der talentiertesten deutschen Erfinder auf dem Gebiet der Flugtechnik. Er führte ein wahrlich aufopferungsvolles Leben bei seinem Dienst für die Raumfahrt. Eine besessene, hoch begabte Forscherpersönlichkeit, welche das seltene Vermögen besaß, ein Leben lang der jeweiligen Forschergruppe vorzustehen. Er leitete in Deutschland und den USA Technikergruppen, die durchweg erfolgreich waren.
Wernher von Braun übernahm mit 23 Jahren, gerade Technik promoviert, die Leitung des von ihm selbst angeregten Raketenversuchsgeländes in Peenemünde.
Getragen durch die Wehrmacht installierte der noch Jugendliche eine Großforschungs- und Entwicklungseinrichtung, die weltweit nicht ihresgleichen aufzuweisen hatte.
Grundlagenforschung, kombiniert mit Industrieforschung und Entwicklungen in Pilotanlagen, d.h. Abschußanlagen für ballistische Raketen waren bei Wernher von Braun quasi "unter einem Dach" vereint.
Genauer gesagt war es so, daß Wernher von Braun für die wissenschaftlich-technische Seite der Entwicklungen die Verantwortung trug und Walter Dornberger, ein versierter Organisator und Manager, im Rang eines Wehrmachtsoffiziers, kümmerte sich um fähige Mitarbeiter, um die Geldgeber, um Lobbyisten, die er bei Laune zu halten hatte; ihm oblag die Verwaltung und die Sicherheit. Alles Äußere, was für die Raketenspezialisten irgendwie hinderlich sein konnte, hatte er fernzuhalten.
Wernher von Brauns Aggregat 4 war ein Mittelstreckenraketentyp, der ab Oktober 1942 mehr und mehr mit Erfolg getestet werden konnte: Erstflug: Peenemünde, 3.10. 1942; Länge: 14,30 m; Startgewicht 13 Tonnen; Schubkraft: 25000 kp; Traglast: 1 Tonne, Reichweite 270 – 385 km
.


Erfolgreicher Start
der A-4, Peenemünde
am 3. Oktober 1942
Copyright: NASA
Die A-9 und die A-10 waren seit 1941 als Interkontinentalraketen auch als bemannte Raketen in Peenemünde konzipiert worden: Schubkraft: 205 000 kp und Reichweite 5000 km.
Spätere amerikanische und sowjetische Raketenentwicklungsstätten übernahmen komplett diesen neuen Typus einer Großforschungseinrichtung und wie oben schon geschrieben, gleich mit dem dazugehörigen Personal.
Freilich gaben die Wehrmacht und das Rüstungsministerium unter den Bedingungen des II. Weltkrieges kein Geld für die Raumfahrt aus, dem eigentlichen Anliegen der Peenemünder um Wernher von Braun.
Geschosse mit Vernichtung bringender Fracht waren gefragt, solche, die der Gegner mit keinerlei Gerät im Stande war aufzuhalten, die weit und zielsicher zu fliegen hatten und eine hohe Sprengwirkung besitzen sollten.
Angesichts des nahen Kriegsendes wurde noch einmal alles um die A-4 mobilisiert. Goebbels sprach nur noch von der V-2, der Wunderwaffe. Die Nazis selbst organisierten eine Großproduktion dieser Raketen in einer unterirdischen Fertigungsstätte, dem Stollen "Dora" bei Nordhausen.
KZ-Häftlinge bauten unter furchtbaren Bedingungen Kriegsraketen. Die V-2 wurde auf London und andere Städte abgeschossen. Bei diesen Aktionen wurden insgesamt 5000 Personen getötet, eine etwa gleich große Zahl der bedauernswerten Menschen starben in dem Häftlingslager, im Stollen während der Produktion.
Heute haben wir Verantwortung zu tragen, dieses nicht zu vergessen und ein menschen-verachtendes System nicht mehr zuzulassen.
Jedes Opfer, egal auf welcher Seite es zu beklagen war, ist ein Opfer zu viel ! Opfer waren auch jene 35000 Menschen in Dresden, die in nur einer Bombennacht durch anglo-amerikanische Flieger umkamen.
Wernher von Braun war kein überzeugter Nazi, kein Aktivist der Bewegung. Dennoch kam er aufgrund seiner herausragenden Stellung mit dem herrschenden System in deutliche Berührung.
1952 schrieb er in dem Artikel "Warum ich Amerika wählte", American Magazine, S.111, auf diese Zeit zurückblickend: "Nur sehr langsam wurde mir klar, daß ich in einem Dilemma gefangen war. Die Flug-Aggregate, die wir voller Enthusiasmus für einen ehrenhaften Zweck bauten, wurden eingesetzt, um andere Menschen zu beherrschen oder zu versklaven."
SS-Chef Himmler ließ 1944 Wernher von Braun, auch den Spezialisten Helmut Göttrup und andere wichtige Peenemünder kurzzeitig verhaften, weil sie kriegswichtige Projekte zugunsten der Raumfahrt-Idee vernachlässigt hätten.
Wernher von Braun war nach dem Krieg der Raumfahrtspezialist der Amerikaner.
Alle großen Erfolge der amerikanischen Raumfahrt in den fünfziger und sechziger Jahren tragen seine Handschrift. 1950 wurde er Technischer Direktor auf dem Versuchsgelände Huntsville, Alabama (USA). Er hatte eine Stellung inne wie in Peenemünde.
Nach dem Sputnik-Schock in den USA, ausgelöst durch sowjetische Erfolge, gelang Anfang 1958 der Start der in Huntsville montierten Trägerraketen für die Explorer-Satelliten. Amerika atmete auf. Wernher von Braun und seine Mitarbeiter erhielten den Auftrag zum Bau der besonders starken Saturn-Trägerrakete.
Juri Gagarin flog am 12. April 1961 als erster Mensch in den Weltraum. Mit Unterstützung Wernher von Brauns konnten die USA mit Alan Shepard am 5. Mai 1961 nachziehen. Amerika feierte ihn als Helden.
Am 26. Februar 1966 startete die Saturn 1B erfolgreich vom Cape Canaveral, von Wernher von Braun und seinen Mitarbeitern in Huntsville gebaut. Dies war die Voraussetzung für die Mondlandung. Apollo 11, d.h. das Mondfahrzeug setzte am 20. Juli 1969 auf dem Erdtrabanten auf; Neil Armstrong markierte den ersten Schritt auf dem Mond. Wernher von Braun wurde aufgrund seines hohen Anteils am Erfolg von der Öffentlichkeit anerkennend "Mr. Moon" genannt.

Eine Nation trägt ihn, "Mr. Moon", auf den Schultern.
Nach der Mondlandung befindet sich Wernher von Braun auf dem Gipfel des Erfolges.
Copyright: NASA
Ab 1. März 1970 schließlich wurde Wernher von Braun in Washington Planungsdirektor der NASA, einer Institution, welche damals von Thomas Paine geleitet wurde.
Dem Apollo-Sojus Projekt von 1975 (Torgau und die Elbe wurden überflogen), stand der Internationalist Wernher von Braun ausgesprochen positiv gegenüber.
Am 16. Juni 1977 starb Wernher von Braun. Ein Leben für die Technik im Dienste der Menschheit hatte sich vollendet.

© by Dr. habil Uwe Niedersen

zurück