Resümee |
Tagung der Festungsforscher und Historiker
Torgau/
Die neunte Tagung der Festungsforscher und
Historiker wurde wiederum vom Förderverein Europa Begegnungen e.V., Torgau und
seinem Sachsen-Preußen Kollegium im Schloß Hartenfels durchgeführt.
Die Ausstellung, veranstaltet durch die Arbeitsgemeinschaft „Jena 1806
e.V." (Robert Heyne), trat mit einem Reichtum an Exponaten hervor; im
Besonderen waren es Waffen und Ausrüstungsgegenstände sowie Schlachtfunde von
der Schlacht Jena-Auerstedt, 14. Oktober 1806.
Neben der zu erschauenden einzigartigen Sammlung von Waffen jener Zeit
informierte R. Heyne über Denkmale und Gedenksteine, die auf dem Areal der
Schlachtfelder von Jena und Auerstedt durch die Arbeitsgemeinschaft Jena 1806
e.V. gesetzt wurden. Die Gedenksteine sind den Besuchern Orientierungshilfen, um
den Ablauf der beiden Schlachten nach vollziehen zu können.
In die Tagungsmappe wurden, neben der Adressenliste und dem Tätigkeitsprofil
der Teilnehmer, eine Kopie aus dem Handbuch für Offiziere des Generalstabes,
Wien 1866, „Festungen. Versetzung fester Plätze in Verteidigungsstand"
(Bereitstellung durch Norbert Zsupanek) und ein Aufsatz von Dr. Hansjochen
Hancke 1985 verfasst, „Die Schlacht bei Torgau" beigelegt.
Zur Vorbereitung der Begehung des Fort Zinna der Festung Torgau diente der den
Unterlagen beigefügte Plan von 1886 (s/w Kopie) sowie eine Skizze (H. Jäger)
die Angriffs- und Verteidigungsminen während einer Belagerung zeigt. Die
Tagungsmappe kann aus dem Büro des Veranstalters (kostenlos) bezogen werden.
Im Plenarsaal befanden sich der Büchertisch mit aktueller Literatur zum
Tagungsthema sowie einige Posterstände. Der Veranstalter der Tagung,
Förderverein Europa Begegnungen e.V., konnte pünktlich zum Tagungsbeginn den
Band „Die Festung Torgau, 2. Fort Zinna" herausgeben. Zuvor war
der Band „Die Festung Torgau, 1. Der Brückenkopf"
erschienen. Die Bände können wiederum vom Veranstalter bezogen werden.
Drei Posterstände waren zu folgenden Themen aufgestellt und fachlich betreut
worden: Brückenkopf Torgau durch Manfred Dauer; eine
Festungs-Postkartensammlung sowie eine Lazarett-Karte, die die jeweiligen
Verhältnisse in der Festung Torgau vorstellten, durch Dr. Klaus Landschreiber
sowie schließlich historische Uniformen auf Plakaten, so wie sie die Militärs
um 1813 trugen, mit beschreibenden Texten von Herbert Jäger.
Die Tagung war mit einer Führung im Flaschenturm des Schloß Hartenfels durch
die Diplom-Restaurateurinnen Nadja Kühne und Susann Wilhelm eingeleitet worden.
Folgend werden einige (vor allem)
festungstechnische und –historische Inhalte aus den Vorträgen mitgeteilt:
Dr. Klaus T. Weber (Koblenz) sprach über „Ernst Ludwig von Aster und der
Festungsbau um 1815". Asters Entwurf für eine Neubefestigung von Koblenz
orientierte sich am aktuellen französischen Bastionärsystem und entsprach
nicht der damaligen preußischen Festungsbauauffassung. Die Entwürfe fertigte
Le Bould de Nans an; eine eingehende Beschäftigung mit dieser Person könnte
lohnenswert sein. Asters Bedeutung sei in der Oberaufsicht über die rheinischen
Festungsbauten zu sehen. Bedeutsam würde hierbei, so Dr. Weber, die
Durchführung eines pseudoempirischen Bauverfahrens sein, durch das damals
korrigierend in das Baugeschehen eingegriffen wurde und das Klarheit schon in
der Entstehungszeit anstrebte, im Besonderen was die neuartigen Bauten im
Kriegsfalle zu leisten im Stande wären.
Einleitend referierte Dr. habil. Uwe Niedersen (Torgau) zum Thema „Entstehungsgeschichte
der Sächsischen Elb- und Landesfestung Torgau" (Teil I). Um 1809/10
strebte das Königreich Sachsen nach einer zentralen Landesfestung, um einen
Verwahrungsort für Vorräte und einen Versammlungsort für die Sächsische
Armee zu besitzen. Torgau an der Mittleren Elbe erschien geeignet. Napoleon I.
akzeptierte Torgau, doch ging es ihm um einen anderen Festungstypus. Er
benötigte für den geplanten Angriff auf Rußland eine Kampagne-Fortifikation.
Mit dem Auffinden des sächsischen Entwurfs der geplanten Landesfestung konnte
erstmals gezeigt werden, wie die Ingenieur-Offiziere Le Coq und Aster eine
solche Baustruktur wählten, die der Funktion einer zukünftigen Festung Torgau,
nämlich ein Versammlungsort der Sächsischen Armee zu sein, besonders dienlich
erschien. Der sächsische Planentwurf einer solchen Lagerfestung war auf Grund
des Einspruchs von Napoleon I. nicht verwirklicht worden. Es bleibt heute zu
prüfen, welchen Einfluss der Übergang vom sächsischen bastionären System
nach der Glaserschen Manier zum französischen Bastionärsystem, wonach dann die
Festung Torgau erbaut wurde, auf die Vorstellungen Asters, nach 1813 in
preußischen Diensten, hatte.
Im Vortragsblock der Historiker trugen Prof. Dr. Rudolf Jenak (Dresden) über
„Einige Erfahrungen des Jahres 1809 im Krieg Frankreichs und des Rheinbundes
gegen Österreich" vor, weiter Prof. Dr. Wolfgang Stribrny (Bad Sobernheim)
über „Sachsen und Preußen im Widerstreit; 1697, 1760, 1813. Die Wende im 18.
Jahrhundert"; Dr. Daniel Burger (Nürnberg) „Kurbayern im 18. Jahrhundert
und seine Beziehungen zu Sachsen" und Prof. Dr. Peter Broucek (Wien) „Die
Beziehungen Sachsen-Österreich im 18. Jahrhundert".
R. Jenak teilte (u.a.) mit, dass die Sachsen zum Schutz vor den Österreichern
im Südosten Interesse gegenüber Napoleon I. bekundeten, die österreichische
Festung Theresienstadt quasi als „Kriegsbeute" zu erhalten. Da aber
Napoleon 1809 mit dem besiegten Österreich milde verfuhr, blieb es für Sachsen
dann bei der Errichtung der Landesfestung in Torgau.
W. Stribrny stellte die Konkurrenzsituation zwischen Brandenburg-Preußen und
Sachsen in der Geschichte dar. Brandenburg habe stets im Schatten von Sachsen
gestanden. Die Schlacht bei Torgau, 1760, habe bewiesen, dass Preußen trotz
zahlreicher Gegner nicht zu besiegen war. Sachsen, 1806 bis 1813 mit Napoleon
gehend, musste mit der Niederlage der Franzosen bei Leipzig seine politischen
Ambitionen beenden.
P. Broucek verwies (u.a.) im Zusammenhang mit Torgau und den Schlesischen
Kriegen auf das Testament Friedrich II. (1768), der die Arrondierung seines
Staates durch den „Erwerb" von Sachsen empfahl, ja forderte. Preußens
König hatte in diesem Zusammenhang ausdrücklich auch den Festungsbau,
namentlich die Errichtung einer Festung in Torgau nach Beendigung eines Krieges
mit Sachsen benannt.
D. Burger zeichnete das Streben Bayerns und Sachsen nach, über dynastische
Verbindungen den politischen Einfluss zu erhöhen; ein Beispiel dafür war die
in Dresden 1747 erfolgte sächsisch-bayerische Doppelhochzeit. Für die Wettiner
und Wittelsbacher ergaben sich interessante Erbfolgemöglichkeiten, die dann
1778 durch den „Bayerischen Erbfolgekrieg" allerdings eskalierten.
Während der Napoleonischen Zeit war Bayern schon vor Sachsen dem Rheinbund
beigetreten und Bayern besetzten am 25. Oktober 1806 sogar Dresden. Der Wiener
Kongress legte für Sachsen eine erhebliche Schwächung fest, ja, stellte
beinahe die Existenz des Königreichs in Frage. Bayern mit ähnlicher
Vorgeschichte konnte nach den Wiener Verhandlungen eher gestärkt hervortreten.
Zur Exkursion: Bei der Begehung des Forts
Zinna hat Diplom-Bauingenieur Norbert Lange vom Sachsen-Preußen Kollegium des
Fördervereins Europa Begegnungen e.V. aus bautechnischer Sicht die noch
vorhandenen Elemente dieses Außenwerkes in ihrer Entstehungsgeschichte sowie in
ihren fortlaufenden Veränderungen, die durch die waffentechnischen Fortschritte
unerlässlich wurden, erläutert. Die Exkursion führte an der Kontereskarpe des
trockenen Grabens entlang in das Minensystem des Forts, weiter zu einem
Reduit-Blockhaus und dem Pulvermagazin der Halbbastion I.
Der Veranstalter dankt der Justizvollzugsanstalt Torgau für ihr förderliches
Entgegenkommen bei der Durchführung der Begehung.
Abschließend sei noch auf die Durchführung der fakultativen Exkursionen zur
sächsischen Poterne, später preußische kasemattierte Geschützstellung, im
Brückenkopf (Leitung Manfred Dauer) und zum „Aquadukt-Gewölbe" zwischen
der Bastion 3 und 4 des Hauptwerkes der Festung Torgau (Leitung Bernd Lehmann)
verwiesen.
Förderverein Europa Begegnungen e.V.
Dr. habil. Uwe Niedersen
Tagung der Festungsforscher
und Historiker - Torgau/Elbe, 16. und 17.
Oktober 2009
Festungen und Festungsgeschichte
Ort: Schloß Hartenfels, Flügel D, Plenarsaal
Die achte Tagung der
Festungsforscher und Historiker wurde wiederum vom Förderverein Europa Begegnungen e. V.,
Torgau im Schloß Hartenfels durchgeführt.
Die Ausstellung, veranstaltet durch das Sächsische Grenadierbataillon von Spiegel
e. V. (Manfred Dauer; Detlev Arlt), Sachsen und Militär um 1813, flankierte
zum einen Inhalte der Tagungsreferate und erweiterte zum anderen das historische Fenster
der angesprochenen Zeitperiode. Die Exponate informierten über das Königreich Sachsen im
Rheinbund; auf die sächsische Heeresreform wurde dabei verwiesen. Einzelne Exponate wie
das originale Tagebuch eines sächsischen Grenadiers aus jener Zeit, weiter eine
halbgeborstene Mörserbombe, die vom Fort Zinna der Festung Torgau im November 1813 auf
die preußischen Belagerer geworfen wurde, schließlich auch
Münzen, Uniformteile fanden die Aufmerksamkeit der Besucher.
In die Tagungsmappe wurde, neben der Adressenliste und dem Tätigkeitsprofil der
Teilnehmer, die Kopie des Sonderdruckes Der Bau-Herr, Autor Herbert Jäger;
ein Aufsatz der sich inhaltlich mit dem Wirken des Festungsbaumeisters Sebastian Le
Prestre de Vauban beschäftigt, beigelegt. Mit Blick auf das Jahr 2017, 500 Jahre
Lutherische Reformation, erfolgte die Aufnahme einer Kurzfassung der Studie Die
Reformation und Torgau von Dr. Hansjochen Hancke. Ihr Fazit lautet: Wittenberg war
das geistige, Torgau das politische Zentrum der Reformation.
Zur Vorbereitung der Begehung des Brückenkopfes der Festung Torgau diente
schließlich der den Unterlagen beigefügte
Plan von 1882 (s/w Kopie).
Im Plenarsaal befanden sich der Büchertisch mit aktueller Literatur zum
Tagungsthema sowie vier Posterstände. Letztere zu folgenden Themen:
1. Brückenkopf - Torgau,
Fotos (Manfred und Michael Dauer, Torgau)
2. Wasserbau der Festung Torgau, 1. Der Oberhafen (Albrecht Rohr, Torgau)
3. Minierkunst ausgewählte Literatur, originale Instrumente, Modelle und
Uniformen (Dr. Martin Klöffler, Dortmund)
4. Bastionäre Bauweise Plan von Neu Breisach (Dr. Jean-Marie Balliet,
Colmar)
Der veranstaltende
Förderverein Europa Begegnungen e. V. konnte direkt zu Tagungsbeginn den Band Die
Festung Torgau, 1. Der Brückenkopf herausgeben. Dieser Band (9,- Euro) und die
Tagungsmappe können beim Veranstalter bezogen werden.
Die Tagung wurde mit einer Führung durch Pfarrer Hans-Christian Beer in der
Torgauer Stadtkirche St. Marien eingeleitet.
Professor Dr. Jenak (Dresden)
lenkte mit seinem Eröffnungsreferat die Sicht auf eine mitunter schwierig
nachvollziehbare Positionierung des Königreichs Sachsen gegenüber den damaligen Mächten
wie Frankreich, Österreich, Preußen, Russland im Frühjahr 1813.
Er beschrieb, wie sich damals Sachsen auf einem instabilen Rand
zwischen den Mächten bewegte, ohne, dass das Königreich jemals in der Lage gewesen
wäre, eine wirklich souveräne Entscheidung für den eigenen Bestand zu treffen.
Österreich beabsichtigte eine Mediation armé (bewaffnete Vermittlung), der sich
Sachsen mittels der Convention mit Österreich vom 20. April 1813 anschloss. Es genügte
aber bereits ein äußerer Anlass, nämlich der Sieg Napoleons bei Lützen, 2. Mai 1813,
der Sachsen wieder zu Frankreich driften ließ. Auch die sächsische Festung
Torgau, so der Vortragende, erhielt in diesen Wirren eine immer wieder neue Bestimmung.*)
Manfred P. Schulze (Berlin)
verschaffte den Zuhörern Einblick in eine Entwicklungslinie, die Spandau, neben der
Tatsache, eine Festung zu sein, zur Waffenschmiede der Preußischen Armee
bestimmte. 1722 wurde mit einer Gewehrmanufaktur begonnen. Es reihten sich an: das Geheime
Brandraketen-Laboratorium (1817); die Übersiedelung der Königlichen Pulverfabrik (1835);
die Königliche Geschützgießerei (1835); die Königliche Artillerie-Werkstatt (1862).
Mit der Veränderung der Waffentechniken wurde neben den Militärs auch eine große Anzahl
von Wissenschaftlern und Ingenieuren eingestellt. Hinzu kamen tausende ungelernter
Kräfte, da jetzt Verfahren entwickelt worden waren, die eine Massenproduktion an
Rüstungsgütern zuließen. Ende des Ersten Weltkrieges arbeiteten dort ca. 80.000
Menschen, davon 20.000 Frauen. Die damalige Interalliierte Kommission schloss die
Rüstungsbetriebe (die Königlichen Institute) Spandaus.
*) Bewusst wurden von mir hier einige Begriffe der Systemtheorie benutzt. Es ist
eben meine Überzeugung, dass für die Festungsforschung zum einen mittels Aussagen der
traditionellen Systemtheorie, angewandt auf das System Festungsbau, brauchbare
Ergebnisse zu erwarten sind; siehe dazu auch Volker Schmidtchen Die Entwicklung der
Systeme im Festungsbau, 2005. Geht es nun gar noch um ein komplexes Geschehen,
ausgelöst durch widerstreitende Interessen der Beteiligten, dann sollten die Begriffe der
Theorie offener Systeme, die die sogenannte Situation fernab vom Gleichgewicht
beschreibt, genutzt werden. Mittels Aussagen dieses Ansatzes können trotz der Turbulenzen
und unvorhersehbaren Schwankungen um Mächte, Heere, Festungen darin
Strukturen ausgemacht werden. Strukturerkennung in einem komplexen Geschehen ist ja die
Voraussetzung, um (wissenschaftlich) mitteilbar zu bleiben.
Dr. Jürgen W. Schmidt
(Oranienburg) stellte neue Dokumente zur Geschichte von Silberberg in Schlesien vor.
Friedrich der Große ließ mit erheblichem finanziellen Aufwand in den Jahren 1765-1767
ein für damalige Verhältnisse moderne Festungsanlage errichten.
Die Bergfestung Silberberg bestand aus einer mit Erde verkleideten und mit
Bastionen versehenen Umwallung aus Ziegelmauerwerk und einem mächtigen turmähnlichen
Donjon. Innen befanden sich (u.a.) gemauerte Kasematten als Truppenunterkünfte.
Silberberg nahm auch Festungsgefangene auf. So den der Spionage verdächtigten englischen
Schriftsteller Richard Semple; ein offensichtlich guter Betrachter und Beobachter, denn er
hinterließ beachtliche Aufzeichnungen über die Festung Silberberg, die der Referent
vorstellte. Zuzüglich wurden Polizei-Rapports des Silberberger
Bürgermeisters Hanke an den preußischen Chef des Polizeidepartments zu Sayn-Wittgenstein
von September 1812 bis Februar 1813 zitiert, die die wirtschaftlichen und sozialen
Verhältnisse einer durch den Krieg gegen Frankreich (1806/07) arg geschädigten
preußischen Kleinstadt darlegen.
Dr. Martin Klöffler
(Düsseldorf) gab einen Überblick zum Thema Minierkunst des 18. und 19. Jahrhunderts.
Deutsche und französische Quellen (siehe z.B. Mouzé, Hauser, Aster) belegen, dass der
Angriff mit Minen als Teil des förmlichen Angriffs immer in Betracht gezogen werden
musste und so den Bau von Gegenminen seitens
der Verteidiger erforderte.
Nach ihrer Funktion (Absicht) wurden die Minen in Angriffsminen oder eigentliche
Minen, in Konterminen und Schleif- bzw. Demolitionsminen unterteilt. Minen werden weiter
unterschieden nach ihrer Wirkung an der Oberfläche, etwa in schwache, gewöhnliche und
überladene Minen.
Durch die Demonstration und dem Vorzeigen von originalen Instrumenten, seitens des
Referenten, konnte die Arbeitsweise der Mineure veranschaulicht werden.
Der Vortragende zog folgendes Fazit: Konterminensysteme dienten der Abwehr eines
Angriffs, der so fast nie statt fand. Hohe Kosten entstanden stets beim Bau und dem
Unterhalt des Minensystems. Die Materialüberlegenheit (Pulver) und das technische Wissen
waren im unterirdischen Krieg entscheidend.
Dr. Jean-Marie Balliet
(Colmar) unternahm den Versuch, die Leistungen Vaubans ohne Pathos, eben wissenschaftlich
vorzustellen. Dass er ein solches Thema wählte, hatte natürlich seine Vorgeschichte. In
2007, zum 300jährigen Todestag Vaubans trug er auf der großen Gedenkveranstaltung in
Paris zum gleichen Thema vor.
Der Festungsforscher Balliet empfand dabei, dass dem Vauban von anderer Seite
wiederholt zu viel des Guten angetan wurde. So fand es sich, dass er in Torgau Gelegenheit
nahm, vor und mit deutschen Fachleuten das Thema erneut zu behandeln; siehe auch die
Podiumsdiskussion.
Einleitend hat der Referent nachvollziehbar dargelegt, was eigentlich der
deutsche Raum war. Ständige Veränderungen des deutschen Raums
auf den damaligen Landkarten erschwerten freilich die Zuordenbarkeit Vaubans und seiner
epochalen Leistungen. Letztere wurden vom Vortragenden benannt. Abschließend vollzog der
Vortragende folgende Einschätzung:
Mit dem Aufstieg und der Verbreitung des Vaubanschen bastionären Systems traten
beinahe zeitgleich auch die Kritiker auf den Plan. Mehr Nachhaltigkeit, so die
Einschätzung, war Vaubans Kunst beschieden, wie Angriffe auf Festungen
vorzutragen seien. Selbst die Preußen hatten ihren Vauban schon gut
verstanden und waren damit bei Strasbourg noch 1870/71 siegreich.
Das Podiumsgespräch mit Dr.
Klöffler und Dr. Balliet schloss sich unmittelbar dem Vortrag des Letzteren an.
Dr. Balliet nannte nochmals seine Beweggründe, die Darstellung Vaubans und seiner
Leistungen gemäß wissenschaftlicher Kriterien vorzunehmen. Dem folgte Dr. Klöffler. Er
erläuterte wesentliche Merkmale des bastionären (Vaubanschen) Systems mit Hilfe von
Abbildungen. Die Merkmale des Bastionärsystems sind für Jedermann in den entsprechenden
Werken nachlesbar. Beide Diskutanten waren sich darüber einig, dass auch Vauban auf den
Schultern berühmter Vorgänger stand. Wie eben jede Theorie und Praxis durch die
Entwicklung anderer Faktoren wie hier etwa durch die Waffentechnik Veränderungen
unterworfen ist, so traf das auch für Vauban und für seine außergewöhnlichen Arbeiten zu.
Jedes Volk kann stolz auf technische Leistungen sein, die von den eigenen
Ingenieuren hervorgebracht werden. In Deutschland wird die Pflege dieser Gedenk- und
Darstellungskultur viel zu sehr vernachlässigt.
Zur Exkursion: Die nochmalige Begehung des Brückenkopfes der Festung Torgau war durch das Auffinden weiterer Archivstücke gerechtfertigt. Die neuen Erkenntnisse betrafen den Bau und die Funktion der Kehlgrabenwehr, der Defensionskaserne, des Kriegspulvermagazins und der Poternen, die später in kasemattierte Geschützstellungen umgewandelt wurden. Wer die Metamorphose der sächsischen Poternen in kasemattierte Geschützstellungen vornahm und wann dies geschah, sind Fragen, die uns allen in ihrer Beantwortung weiter erhalten bleiben.
Der Veranstalter hat wiederum Herbert Jäger (Leipzig), Norbert Lange (Torgau) und Manfred Dauer (Torgau) vom Sächsischen Grenadierbataillon von Spiegel e. V., für die Unterstützung bei der Erläuterung der Teile des Brückenkopfs und der Begehung der Kasematte (Poterne) sowie des umliegenden Gebiets zu danken.